Den Schuh zieh ich mir nicht an

Das Konzept des globalen ökologischen Fußabdrucks vermittelt ein alarmierendes Bild vom Patienten Erde. Eine genauere Betrachtung der Daten im Living Planet Report 2006 zeigt allerdings: Jede Weltgegend hat ihre eigene Schuhgröße.

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Von
  • Niels Boeing

Zurzeit jagt eine schlechte Umweltschlagzeile die andere. „Menschlicher Fußabdruck zu groß für die Natur“, titelte etwa der WWF vor kurzem, als er seinen Living Planet Report 2006 vorstellte. In ihm ist der globale ökologische Fußabdruck des Menschen auf der Erde für das Jahr 2003 neu vermessen worden. Die aktuelle Größe: 2,2 (globale) Hektar pro Person.

Darin werden sieben Arten von Flächen addiert, die nötig sind, um die Menge an Ressourcen und Dienstleistungen hervorzubringen, die wir konsumieren: land- und forstwirtschaftlichen Flächen, Fischereiareale, bebautes Land und die Fläche, die man zusätzlich zu den Weltmeeren zur Absorption der CO2-Emissionen braucht. Hinzu kommt ein Flächenmaß für Kernenergie, das einer Äquivalentfläche für fossile Energieträger entspricht.

Die nutzbare Biosphäre – „Biokapazität“ genannt – gab aber 2003 nur 1,8 Hektar für jeden der derzeit 6,3 Milliarden Erdenbewohner her. Fazit: Wir leben über unsere Verhältnisse.

So aufrüttelnd das Bild einer über die Maßen zertrampelten Umwelt ist, so wenig simpel ist die Kunstgröße des globalen ökologischen Fußabdrucks. Denn wenn man im Report in die Daten der einzelnen Länder schaut, ergibt sich ein etwas anderes Bild. Das schafft es aber nur selten in die Texte unter der Schlagzeile.

Nehmen wir einmal Kanada. Bei einem Fußabdruck von 7,6 Hektar pro Einwohner (Platz 3 der Weltrangliste) könnte man versucht sein,Verwünschungen über den großen Teich zu schicken: Also auch ihr, Kandier, vermeintliche Gutmenschen Nordamerikas – kaum besser als eure Nachbarn im Süden? Nichts wäre falscher als das. Die Biokapazität Kanadas beträgt stolze 14,5 Hektar pro Person – also das Achtfache dessen, was dem globalen Durchschnittsmenschen zusteht.

Oder schauen wir auf Kenia. Das beliebte Reiseland in Ostafrika scheint fast antilopenhafte Spuren zu hinterlassen: Ein zierlicher ökologischer Abdruck von nur 0,8 Hektar war 2003 zu verbuchen, nicht einmal die Hälfte des globalen Fußabdrucks. Vorbildlich? Schön wär’s. Kenia lebt bereits ein wenig über seine Verhältnisse. Seine Biokapazität beträgt nur 0,7 Hektar pro Einwohner.

Die Bundesrepublik leidet hingegen an einer echten ökologischen Fettlebe: Pro Einwohner verbraucht sie 4,5 Hektar, obwohl nur eine Biokapazität von 1,7 Hektar zur Verfügung steht. Aber auch hier lohnt ein genauerer Blick. Tatsächlich entfallen 2,86 Hektar, also knapp zwei Drittel ihres ökologischen Fußabdrucks, auf die Problemfaktoren CO2-Absorptionsfläche und Kernernergie-Äquivalentfläche. Konsequenz: Bei einer radikalen Umstellung auf erneuerbare Energien und CO2-neutralen Verkehr würden sich in Deutschland Fußabdruck und Biokapazität ungefähr die Waage halten – trotz Industrialisierung im Höchststadium.

Immerhin lägen 128 der 145 im Living Planet Report untersuchten Länder mit ihrem ökologischen Fußabdruck zumindest unter dem globalen Durchschnitt von 2,2 Hektar pro Person, wenn sie auf fossile und nukleare Energieträger verzichten würden. Wenn es einen globalen Ökoschuh gibt, in den wir uns in den nächsten Jahrzehnten hineinzwängen müssen, dann ist das die Beendigung des fossil-nuklearen Zeitalters.

Diese Kritik soll den Wert des Reports nicht schmälern: Trotz seiner auf Medienwirksamkeit getrimmten Simpelüberschrift bietet er aufschlussreiche Daten, welche Länder und Regionen in welcher Hinsicht über ihre Verhältnisse leben. Ein ökologisches Einheitsrezept gibt er aber genausowenig her wie „One size fits all“-Modelle für die wirtschaftliche Globalisierung. Auch Umweltmahner sollten auf Regionalisierung setzen. Jede Weltgegend hat ihre eigene Schuhgröße. (wst)