Angst vor der Aufmerksamkeits-Resistenz

Ein Vierteljahrhundert genügte dem HI-Virus, um unsere Welt grundlegend zu verändern.

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Von
  • Hanno Charisius

Am Freitag ist Welt Aids Tag, so wie jedes Jahr seit 1988 am ersten Dezember. Diesmal steht er, wie schon 2005, unter dem Motto "Gemeinsam gegen Aids: Wir übernehmen Verantwortung – für uns selbst und andere". Was hat sich in den letzten zwölf Monaten getan? Was wird man auf dem Weltaidstag 2007 diskutieren?

Die traurige Wahrheit ist, dass sich kaum etwas zum Guten verändert, die Seuche breitet sich noch immer fast ungebremst auf dem Planeten aus. Auch über 20 Jahre nach Entdeckung des HI-Virus ist die Immunschwäche Aids noch eine tödliche Krankheit. Zumindest in den Ländern, die moderne antivirale Medikamente bereitstellen können, hat sich das Leiden verändert, manche beschreiben es bereits schon als chronische Erkrankung, mit der man leben kann. Doch in Staaten ohne Zugang zu Therapien – und davon sind die meisten Infizierten betroffen – bedeutet die Diagnose HIV-positiv nach wie vor ein Todesurteil, das zu unbestimmter Zeit vollstreckt wird.

In diesem Jahr haben die Ausbreitung von Aids und die Zahl der HIV-Infizierten weltweit einen neuen Höchststand erreicht, vermeldete das Koordinierungsprogramm der Vereinten Nationen mit dem Ziel, die HIV/Aids-Pandemie zu bekämpfen UNAIDS. Im diesjährigen Statusbericht von UNAIDS und der Weltgesundheitsorganisation WHO heißt es, dass nicht nur die Situation in Afrika und Osteuropa Besorgnis erregend sei. Die Experten warnen vor einer zunehmenden Sorglosigkeit gegenüber der tödlichen Krankheit in entwickelten Ländern wie Deutschland. Allein in Berlin infiziere sich im Durchschnitt jeden Tag ein Mensch neu mit HIV, meldete die Berliner Aids-Hilfe, jede Woche sterben in der Hauptstadt zwei Patienten an den Folgen von Aids. Die Ansteckungszahlen sind dort so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Seit Jahresbeginn starben mit 2,9 Millionen Menschen weltweit mehr als je zuvor an den Folgen von HIV/Aids. Insgesamt sind 39,5 Millionen Menschen und damit 0,9 Millionen Menschen mehr als im vergangenen Jahr HIV positiv. Darunter 17,7 Millionen Frauen und 2,3 Millionen Kinder. Auch die Zahl der Neuinfektionen stieg an: von 4,1 Millionen im vergangenen Jahr auf 4,3 Millionen 2006. Die Hauptlast der Epidemie trägt weiterhin Afrika südlich der Sahara. Zwei Drittel aller HIV-Infizierten leben in der Region.

Die Epidemie habe in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Gesichter, sagte der UNAIDS-Regionaldirektor Bertil Lindblad bei der Vorstellung des Statusberichts in Berlin. In Osteuropa und Zentralasien haben sich mehr als die Hälfte der Betroffenen (67 Prozent) durch verunreinigte Spritzen beim Drogenkonsum infiziert. In Süd- und Süd-Ostasien haben sich 41 Prozent der Infizierten bei Prostituierten angesteckt. Nach Schätzungen der UN und des chinesischen Gesundheitsministeriums dürften insgesamt 650 000 Chinesen HIV-infiziert sein, viele ohne es zu wissen. Das Virus breitet sich dort nahezu ungehindert von Risikogruppen auf die allgemeine Bevölkerung.

Immerhin zwei kleine Fortschritte im Kampf gegen HIV/Aids gibt es in diesem Jahr zu vermelden: Laut Medienberichten denkt der Papst darüber nach, das strikte Kondomverbot etwas zu liberalisieren und Präservative "in Sonderfällen" zu erlauben, schreibt die Welt. Die Benutzung von Kondomen sei als "geringeres Übel" anzusehen, wenn es darum gehe, die tödliche Ansteckungsgefahr abzuwenden.

Das französische Kabelfernsehen hat derzeit das strikte Kondomgebot ausgerufen. Ab kommendem Jahr, dürfen die betroffenen Fernsehkanäle keine Szenen mehr zeigen, in denen ungeschützter Geschlechtsverkehr gezeigt wird, steht ebenfalls u.a. in der Welt.

In den letzten Jahren wurde deutlich, dass Aids noch mehr verursacht als individuelle Tragödien: Die Gesellschaft, die Wirtschaft und die globale Sicherheit sind ebenfalls betroffen. Aus technologischer Perspektive stagniert der Kampf gegen die Epidemie. Seit Martin Lindners Report zum Weltaidstag 2003 (Technology Review 12/2003) hat sich im therapeutischen Bereich nicht viel getan. Neue wirkungsvollere Medikamente, die eine Resistenzbildung verhindern und wenig Nebenwirkungen haben, stehen genauso wenig zur Verfügung wie eine Impfung. Neben neuen Medikamenten sind soziale Innovationen – die Gesinnungswandel zum Kondomgebrauch beim Papst und dem französischen Fernsehen könnte man als solche im kleinen Maßstab bezeichnen –, Prävention und Aufklärung notwendig. Das ist nicht nur humanitäre Pflicht, sondern überlebenswichtig für die ganze Welt. (wst)