Dye To Buy
Das berührungslose Bezahlen ist ein bedeutender strategischer Schritt, um störenden Widerstand beim Zutritt in die Wunderwelt des Warenerwerbs zu beseitigen, wenngleich ein leises Unbehagen nicht gleich weichen will.
- Peter Glaser
Im Winter 1950 bemerkte ein New Yorker Kaufmann, als er in einem Restaurant bezahlen wollte, dass er seine Brieftasche vergessen hatte. Er überredete den Inhaber, seine Unterschrift als Garantie zu akzeptieren und die Rechnung später begleichen zu können. Die Bezahlung gefiel auch anderen New Yorkern. Im Februar 1950 schlossen sie sich zum “Diners Club” zusammen und rechneten fortan in 27 Restaurants bargeldlos ab.
Die Kreditkarte trat ihren Siegeszug an – bis hinaus in die Ewigkeit. In Taiwan etwa ist es seit Jahrzehnten Brauch, bei einer Beerdigung Unmengen falscher Geldscheine zu verbrennen, um die Geister der Ahnen bei Laune zu halten. Hsieh Chin Ting, Leiter der Behörde für Inneres, schlug, um der Papierverschwendung Einhalt gebieten, vor, dem Verstorbenen eine Kreditkarte in den Sarg zu legen. Das Kreditkartenunternehmen China Trust kündigte an, eine Spezialkarte mit einem großzügig bemessenen Kreditrahmen für Verstorbene herauszubringen.
In der modernen Form der Unendlichkeit, dem Online-Universum, ist der Fortschritt der Karten noch im Schwange. Visa will bis Ende 2007 eine berührungslose Bargeldalternative "Visa Contactless" nach Europa bringen. Vor allem kleine Beträge sollen damit bezahlt werden – bei 75 Prozent aller Bargeldzahlungen werden Beträge von unter 15 Euro beglichen. Der Zahlvorgang soll in rund einer halben Sekunde abgeschlossen sein. Die in der GSM Association organisierten Mobilfunkbetreiber wollen der sogenannten “Near Field Comunication” (NFC) zum Durchbruch verhelfen. Damit können unter anderem Kreditkarteninformationen auf kurze Distanz vm Handy in eine elektronische Ladenkasse übertragen werden – allerdings müßten Mobiltelefone dazu erst einmal technisch aufgerüstet werden.
Konsumieren ist die letzte verbleibende Form öffentlicher Aktivität, sagt der Architekt Rem Kohlhaas. Wie eine Insektenkolonie hat es praktisch jeden Aspekt städtischen Lebens infiltriert, kolonisiert oder substituiert. Stadthallen und Center, Vorstädte, das Straßenbild, Flughäfen, Bahnhöfe, Busstationen, Museen, Krankenhäuser, Schulen und das Netz werden durch die Mechanismen und Bereiche des Konsumierens geformt. Vielleicht wird das 21. Jahrhundert als der Moment in Erinnerung bleiben, von dem an eine Stadt ohne Shopping nicht mehr vorstellbar war. In den USA gibt es mehr als dreieinhalb mal mehr Geschäfte als Kirchen, Synagogen und Tempel, in England 8,7 mal so viele. 25% der bebauten Fläche in den USA dienen dem Einkaufen. Während in den USA 44% und in Europa nur noch 11,5 Prozent der Menschen regelmäßig in eine Kirche gehen, shoppt jeder.
Das berührungslose Bezahlen ist ein bedeutender strategischer Schritt, um störenden Widerstand beim Zutritt in die Wunderwelt des Warenerwerbs zu beseitigen, wenngleich ein leises Unbehagen nicht gleich weichen will. Man prüft beispielsweise im Geiste die Möglichkeit, ausgeraubt zu werden, ohne dass man es merkt. Richtig prosperieren wird die Wirtschaft auch erst, wenn der Abfluß von Barmitteln aus dem Punktuellen überführt wird in ein permanentes Geschehnis. Vielleicht werden sich Handy- und Computertastaturen in Zukunft radikal vereinfachen zu einem Einknopfgerät in der Art des Totmannschalters im Führerstand einer Lok (den der Fahrzeugführer in Abständen drücken muss, um anzuzeigen, dass er keinen Kreislaufkollaps erlitten hat und der Zug führerlos voranrast): Wenn man nicht alle zwei Minuten drückt, wird geliefert, entweder nach dem Roulettesystem zugeloste Ware oder in Erweiterung der Buchclubidee des Hauptvorschlagsbands auf das gesamte Produktsortiment. Das Netz brummt, die Wirtschaft prosperiert. Und die Raten verlassen das sinkende Schiff. (wst)