Auf Abwägen
Das Wissenschaftsjournal Science sollte zukünftig spektakuläre Veröffentlichungen besonders sorgfältig prüfen.
- Hanno Charisius
Der südkoreanische Forscher Woo Suk Hwang hat Forschungsergebnisse gefälscht und veröffentlicht, zweimal, soweit man heute weiß. Beide Aufsätze erregten viel Aufsehen: Hwang hatte im Frühjahr 2004 behauptet, menschliche Embryonen mit der gleichen Methode geklont zu haben, mit der einst auch das Klonschaf Dolly in Schottland geschaffen worden war. Damit nicht genug, züchtete Hwang aus dem Menschenklon auch noch Stammzellen, jene zellulären Wunderlinge, denen manche Wissenschaftler großes Potenzial bei bislang unheilbaren Krankheiten, wie Alzheimer, Querschnisstlähmung oder Diabetes zuschreiben. Gut ein Jahr später berichtet er im Grunde das selbe noch einmal, nur hatte er das Verfahren in der Zwischenzeit derart optimiert, dass es dem Wissenschaftsjournal Science, das auch den ersten Scoop veröffentlicht hatte, wertvoll genug für eine zweite Veröffentlichung schien.
Dann kam der Betrug heraus, Science musste die beiden Artikel im vergangenen Sommer zurĂĽck ziehen und die sĂĽdkoreanische Regierung kam nicht umhin, die Briefmarken wieder einstampfen zu lassen, die sie ihrem Helden der Biotechnologie zu Ehren gedruckt hatte, darauf zu sehen ein Comicstrip von einem Mann im Rollstuhl, der dank Zelltherapie wieder tanzen kann.
Die fabrizierten Paper haben nicht nur das ganze Feld der Stammzellforschung in Misskredit gebracht, er hat der gesamten Wissenschaft geschadet und auch dem Magazin Science, dessen Kontrollmechanismen zweimal versagt haben. Den Herausgebern des Journals war nach dem Skandal vielfach vorgehalten worden, die fraglichen Studien nicht gründlich genug geprüft zu haben. Damit so etwas zukünftig nie wieder passiert, hat Science eine unabhängige Kommission auf den Fall angesetzt, deren Report sich ganz gut so zusammenfassen lässt: Ein Fehler ist passiert, aber niemand (außer dem Betrüger) trägt Schuld daran.
Und dann gibt es noch ein paar Empfehlungen, um solchen Entgleisungen zukünftig zu verhindern. Die Gruppe aus sechs hochkarätigen Wissenschaftlern, unter ihnen der Stammzellpionier John Gearhart gemahnt Science zu besonderer Vorsicht bei Arbeiten, die einen Durchbruch in ihrem Forschungsgebiet versprächen. Der Leiter des Ausschusses – John Brauman von der Stanford Universität in Kalifornien – sagte, dass es eine hundertprozentige Sicherheit vor Fälschungen nie geben werde. "Niemand von uns glaubt, dass je alle falschen Daten entlarvt werden können, aber sie müssen zumindest weiter reduziert werden".
Auch Science-Chefredakteur Donald Kennedy gibt sich nicht der Illusion hin, jeglichen Betrug zukünftig verhindern zu können. Aber bei den bedeutsamsten Artikeln, solche, die ein ganzes Forschungsfeld auf den Kopf stellen oder sehr stark in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden – wie eben Stammzellen oder seit neuestem die Klimaforschung – sollte besonders sorgfältig geprüft werden, er schätzt die Zahl solcher Artikel auf zehn pro Jahr, "oder weniger". Nach eigenen Angaben hat Science im Jahr 2005 etwa acht Prozent der eingereichten 12000 Artikel nach der üblichen Expertenbegutachtung für die Veröffentlichung akzeptiert.
Das kann man jetzt belächeln oder als Lippenbekenntnisse geißeln. Immerhin der erste der beiden gefälschten Artikel war eine Sensation. Der zweite nicht, er hat lediglich eine – obschon dramatische – Verbesserung einer bekannten Technik dokumentiert. Man muss selbst nicht besonders fies sein, um Science bei der Drucklegung des zweiten Aufsatzes Interesse an der Publicity zu unterstellen, den auch dieser Artikel garantiert bringen würde und auch gebracht hat. Schließlich dann sicherlich einmal mehr, als man sich erhofft hat.
Letztendlich ist das wissenschaftliche System auf die Aufrichtigkeit seiner Mitglieder angewiesen. Die Kommission und auch Kennedy haben recht mit der Feststellung, dass es einen 100-Prozent-Schutz nicht geben wird. Die notwendigen MaĂźnahmen, wĂĽrden sicherlich das ganze Wissenschaftssystem 100prozentig zum Erliegen bringen. (wst)