Kein Grund zur Moral

Der Klimawandel beschert der Umweltbewegung ein Comeback – und damit auch dem Öko-Moralismus. Das hat uns gerade noch gefehlt.

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Von
  • Matthias Urbach

Die Erzählung der Umweltbewegung geht etwa so: Der Mensch maßt sich mit seiner Technik ein riesiges Experiment mit der Erde an mit ungewissem – wenn nicht fatalem – Ausgang. Der ökologische Sündenfall wird bedenklich nah an der Geschichte von Adam und Eva erzählt, nur dass die Menschen diesesmal nicht aus dem Paradies, sondern gleich von der Erde vertrieben werden könnten.

Ein gutes Jahrzehnt fehlte es der Bewegung an einem entsprechenden Anknüpfungspunkt. Der Wald war noch mal davongekommen, das Sterben der Flüsse abgewendet. Filter, Kläranlagen und Katalysatoren zogen der Technik den Stachel. Selbst der Skandal um den Rinderwahn, obgleich er direkt an der Sorge um die eigene Gesundheit ansetzte, vermochte es nicht, der Umweltbewegung ein dauerhaftes Comeback in der öffentlichen Debatte zu sichern. Jede Anknüpfung an die Ursprungserzählung (vom Untergang der Menschheit) ließ sich leicht (und zu recht) als Hysterie abtun.

So sank in den Augen die BundesbĂĽrger die Bedeutung des Umweltschutzes 2002 schlieĂźlich auf einen Tiefpunkt: Nur noch 14 Prozent der im Auftrag der Bundesregierung befragten Deutschen hielten damals die Umwelt fĂĽr das wichtigste Problem.

Doch das ändert sich nun. Die Grünen können sich auf ihrem Parteitag wieder prominent mit radikalökologischen Träumen beschäftigen. Denn „das Umweltbewusstsein der Deutschen ist weiter gestiegen", wie das Umweltministerium in seiner Pressemeldung vom Dienstag jubelte. Immerhin ein Viertel der Deutschen hält Ökologie, der aktuellen Studie zum Umweltbewusstsein zufolge, heute für das wichtigste Problem unserer Zeit. Der Grund liegt auf der Hand: In den vergangenen Jahren erreichte der Treibhauseffekt endgültig den Mainstream, mehrten sich erste spürbare Vorzeichen der globalen Erwärmung. Und der Treibhauseffekt spiegelt perfekt die moralische Erzählung vom ökologischen Sündenfall wider.

Damit kommt auch die moralische Ökokeule zurück. Auf der Feier zum 25-jährigen Bestehen der ökologisch ausgerichteten Zukunftsfoscher vom IZT vergangene Woche trat zum Beispiel Jakob von Uexküll als Laudator auf. Der Mann, der gerade in Hamburg einen neuen (alternativen) Weltzukunftsrat etabliert. Er erklärte, der Treibhauseffekt sei ein zu großes Problem, um es auf der „ökonomischen oder politischen Ebene" zu lösen. Es müsse nun auf eine „höhere, moralisch/ethische" Ebene gehoben werden. Großer Applaus.

Mir freilich wird unwohl bei dem Gedanken an so eine „höhere" Ebene der Politik – im besten Fall verbirgt sich hinter dem Ruf nach Moral die Selbstinszenierung alter Leute, im schlimmsten Fall der Machtanspruch einer religiösen Gruppe. Ohnehin ist so eine „Ökomoral" kaum anschlussfähig an die Gedankenwelt der meisten Deutschen. Wie bitte, will man sich über die unterschiedlichsten Weltanschauungen hinweg verständigen, wenn nicht über die Aushandelprozesse von Recht und Politik? Und welcher Hebel könnte stärker sein, als der ökonomische?

Das Problem ist zudem, dass die Verursacher des drängendsten Umweltproblems nicht mehr „die Chemieindustrie", die „Atomstromkonzerne" oder die „Autoindustrie" sind. Es fehlt der Feind, denn es sind die Verbraucher, also die Bürger selbst, die zu viel fliegen, zu große Autos kaufen und sich mit immer neuen Handys schmücken. Eine möglichst große Zahl von Bürgern zu heroischen Konsumverweigerern im Sinne der Ökologie zu konvertieren, scheint mir kein erfolgversprechender Ansatz. Aussichtsreicher sind ökologische Regeln, die sich die Gesellschaft gemeinschaftlich auferlegt (durch Emissionshandel, Ökosteuer, usw.) – und die Technik selbst. (Ökologen unterschätzen notorisch die Kraft technischer Innovation, außer wenn sie über Solarzellen reden.)

Immerhin: Bei den Grünen setzten sich auf dem Parteitag am Wochenende die Umweltschützer durch, die auf diesen sanften Pfad der politischen Vernunft vertrauen – gegen die moralische Fraktion des sauberen Gewissens. Das ist gut für die Grünen.

Denn erstens lag der Tiefpunkt der Karriere der Ökologie ausgerechnet in den Regierungsjahren von Rot-Grün. Ein Hinweis auf die Allergie der Deutschen gegen ökologische Rechthaberei. Und zweitens ist das Thema nach wie vor kein Selbstläufer: 1988, zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, hielten sogar zwei Drittel der Deutschen Umweltschutz für das wichtigste Thema. Trotzdem scheiterten die Grünen zwei Jahre später an der Fünfprozenthürde. Ihr Hauptwahlkampfthema damals: Der Klimaschutz. (wst)