Blaues Maschinenziel

Die Nasa will nun endgĂĽltig den Erdtrabanten erobern. Aber schon das alte Mondlande-Programm hatte in seinem Kern nichts mit Forschung oder Technik zu tun, sondern mit Religion.

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Von
  • Peter Glaser

Ja - nachdem nun endlich der Hunger auf der Welt, Armut und beschränkte Bildungschancen für Abermillionen beseitigt sind, nachdem es in Amerika eine Krankenversicherung für jedermann und sogar wieder Bürgersteige in allen Städten gibt, nachdem Aids und Flußblindheit besiegt sind, nachdem der Irak endlich durch einen Marshallplan 2.0 wiederaufgebaut ist und prosperiert, und nachdem sich die etwa 100 Milliarden Euro für die Internationale Raumstation ISS durch bemerkenswerte Forschungsergebnisse wirklich gelohnt haben, ist es tatsächlich an der Zeit, eine Mondstation zu errichten.

Nasa-Sprecherin Shana Dale erklärte am Dienstag, nach Konsultationen mit hunderten Experten aus 14 Ländern sei die Entscheidung gefallen, bis zum Jahr 2024 auf dem Erdtrabanten eine permanente Basis “zur weiteren Erforschung des Alls und zur Ausweitung der menschlichen Zivilisation” zu errichten. Dort werden sich dann Astro-, Kosmo- Taiko- und Sonstwienauten in einer Art kosmischem Caravan aufhalten, in dem es wie in jedem Raumfahrzeug nach Füßen riecht, ohne dass man lüften kann, und auf den grauen Staub draussen blicken.

In den sechziger Jahren war der Himmel ein technisches Problem. Er hieß fortan Weltraum, und es ging um die Frage, wer ihn als erster befahren würde. Im Oktober 1957 setzten die Russen den ersten künstlichen Himmelskörper aus, Sputnik I. Die Erstürmung des Firmaments vermittels Raketenwissenschaft begleitete mein Heranwachsen wie eine natürliche Leidenschaft. Als kleiner Junge in den sechziger Jahren fühlte man sich ganz selbstverständlich aufgerufen, an der Eroberung des Raums teilzuhaben. Dem allgemeinen Aufruf zur Himmelfahrt folgend, entwickelte ich in dem chemischen Laboratorium, das sich aus einem Chemiekasten im Keller des Elternhauses ausmutiert hatte, Festtreibstoffe nach dem Grundrezept der Schwarzpulvermischung, die ich in Rundkolben aus Jenaer Glas füllte. Ich versuchte, die Raketoiden aus einem gußeisernen Christbaumfuß im Garten zu starten, das Glas schmolz, in der Wiese blieb ein verkohlter Fleck und ich zog mir den Zorn der Nachbarinnen zu, deren aufgeleinte Wäsche ich mit Schwefelschwaden imprägnierte. Der Wissenschaft waren Opfer zu bringen.

Die erste Mondlandung sah ich in der Sommerfrische mit den Bauern in einem Landgasthaus. In dieser langen Nacht trank ich vor Aufregung zwei Liter Cola mit der Folge, dass ich Cola bis heute nicht mehr vertrage; ein Überdruss am Raumfahren folgte alsobald. Die nachfolgenden Mondlandemissionen, mit denen die siebziger Jahre begannen, waren unbedeutend, langweilig und grau wie der Mond. Der eine, entscheidende, himmlische Moment war längst verglüht. Als die Ära der Space Shuttles begann, war der Zauber verflogen, mit dem sich die großen Saturn-Raketen aus der Erdschwere erhoben hatten. Shuttle-Starts im Fernsehen waren so banal, als würde man die Abfahrt eines ICE übertragen.

Das eigentliche Produkt des Mondlande-Programms war längst eingefahren. Es hat in seinem Kern nichts mit Forschung oder Technik zu tun, sondern mit Religion. Als der deutsche Raketenpionier Eugen Sänger 1958 sein Buch “Raumfahrt - technische Überwindung des Krieges” veröffentlichte, genügte zur Begründung der Raumfahrt ein Zitat des Papstes. Religion hat immer einen realistischen und einen idealistischen oder wenn man so will moralischen Aspekt. Dem einen entsprach der machtpolitische Anspruch, den Himmel zu kontrollieren und den blauen Planeten mit einem kriegstauglichen System unbemannter und bemannter Satelliten einzuhüllen. Dem anderen genügte dieser eine Moment am 20. Juli 1969, als so viele Menschen vor den Fernsehschirmen saßen wie nie zuvor und jeder, wir alle, von einem neuartigen Gemeinschaftsgefühl durchflossen war: Wir sind die Menschheit. (wst)