Wer nicht wagt, der nicht verliert
Fußball als Symptom für die technologische Krise: Wie in Deutschland Innovation bekämpft wird, illustriert der Fall Christoph Daum.
- Matthias Urbach
Will man verstehen, warum es Innovationen in Deutschland so schwer haben, hilft ein Blick auf den Fußball und auf Christoph Daum. Vielmehr ein Blick auf den Umgang mit ihm: Während der Fußballtrainer für die Boulevardmedien der ewige Kokser bleibt, über dessen zweite Niederlage als neuer Trainer des 1. FC Köln man sich schadenfroh ausbreitet, halten ihn die Fans beim öffentlichen Training Kinder über den Zaun, die er, Daum, bitte segnen möge. Und schwenken Transparente mit der Aufschrift „Habemus Daum".
Nicht Jürgen Klinsmann, sondern Christoph Daum holte den ersten Psychologen in ein deutsches Training, ließ seine Spieler gar zur Willensstärkung über Scherben laufen. Daum setzte schon auf das individualisierte Training, als anderswo Bundesligaprofis noch im Gleichschritt übten. Und er ließ schon in seinen Jahren bei Bayer Leverkusen einen recht ansehnlichen Offensivfußball spielen, was spätestens seit der jüngsten WM hierzulande als das Nonplusultra gilt. Kurz: Daum hat wesentliche Aspekte des modernen Fußballs um ein Jahrzehnt vorweggenommen.
Daum ist ein Emporkömmling, ein Arbeiterkind. Einer der sich selten um die Meinung der anderen scherte, ein Kämpfer, der keine Angst vor Fehlern hat. Der auch dort kämpft, wo es gar nicht nötig ist. Kurz: Er verfügt über jene innere Unabhängigkeit, die nötig ist für innovatives Denken. Und über genügend Starrsinn, um auch innovativ zu wirken.
„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", so sagt der Volksmund. Beherzigt wird aber zumeist die komplementäre Regel: „Wer nicht wagt, der nicht verliert." Wer sich gut einzurichten weiß und möglichst niemanden in Frage stellt, kann sich in der Regel bequem durchs Leben lavieren. Selbst Manager, die ihre Betriebe in Grund und Boden sanieren, müssen sich selten kritisieren lassen, wenn sie nur nach dem aktuell modischen Schema verfahren (in den Neunzigern: Fusion um jeden Preis, heute: Konzentration aufs Kerngeschäft). Außer es kommt einmal so dicke wie bei Siemens Mobile.
Querdenker wie Daum hingegen haben es schwer. Sie gelten als Nestbeschmutzer, als Ketzer und werden gerne der angeblichen Form ihrer Kritik wegen abgelehnt, statt sich groß mit ihren Thesen aufzuhalten. Der etwas eitle und großmäulige Christoph Daum macht es dem Establishment freilich leicht, ihn des Benehmens wegen abzulehnen. Das war schon lange vor der Kokainaffäre so, die Daum im Jahr 2000 den Job als Bundestrainer kostete, noch bevor er ihn überhaupt antreten konnte.
Danach hätte man Daum in Deutschland - trotz Freispruch vor Gericht - nicht einmal mehr ein Brötchen abgekauft. Als wenn er wegen seines privaten Einbruchs nie wieder ein guter Trainer sein könnte. (Genau das bewies er in der Zwischenzeit eindrucksvoll mit drei türkischen Meisterschaften mit Besiktas Istanbul und Fenerbahçe Istanbul sowie einer österreichischen Meisterschaft mit Austria Wien.) Noch immer halten ihm Journalisten von Welt bis Spiegel seinen alten Fehler vor.
Doch selbst wenn man es den Lobbyisten des Status Quo weniger leicht macht als Daum: Irgendwann liegt auch der genialster Querdenker mal falsch – und wird zum gefundenen Fressen für die Mittelmäßigen. WM-Bundestrainer Jürgen Klinsmann ist diesem Schicksal nach dem versemmelten Vorbereitungsspiel gegen Italien nur knapp entgangen. Dass Missgeschicke nicht verziehen werden, musste selbst das Mautkonsortium Toll Collect samt DaimlerChrysler und Telekom erfahren, als sie sich 2003 mit ihren Zeitplan für die schwierige Innovation der automatischen Lkw-Mauterhebung verhoben.
Schlimmer noch als das Infragestellen manch eingeübter Techniken ist der Angriff auf die Legitimierung der so genannten „Eliten" selbst. Wie Daum es indirekt, und doch kaum überhörbar, immer wieder tut. „Fußball ist irrational. Hauen wir denen ein abgefälschtes Ding rein, wächst auf einmal das Selbstvertrauen, und ein Spiel geht anders aus", erklärt er etwa diese Woche im Spiegel-Interview. „Je mehr mir die Irrationalität des Fußballs bewusst wird, umso realer sehe ich ihn". Diese Analyse passt nicht zum gehegten deutschen Bild vom Macher, der vor allem durch Fleiß und Disziplin zum Erfolg findet; mit viel Geld vielleicht, aber niemals durch Glück. Wer die Arbeit seiner Vorgesetzten in einem deutschen Betrieb so in Frage stellt, findet sich schnell auf der Straße wieder.
Daums Erfolge in der Türkei müssten eigentlich genügen für einen glanzvollen Wiedereinstieg in die 1. Bundesliga. Doch er darf nur beim Zweitligisten Köln ran, einem Klub in tiefer Krise. Die leidgeprüften Kölner Fans freilich verehren ihn: Sie können sich mit Daums vergeblichen Kampf um Anerkennung nur zu gut identifizieren. (wst)