Alle Macht geht vom Handy aus

Der Überwachungsstaat kommt – aber anders als gedacht. Wie die technische Innovation der Handykamera das Verhältnis von Bürger zur Elite verdreht.

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Von
  • Matthias Urbach

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass man sich einmal vor der Videofunktion eines Handys fürchten würde? Damals hat man sich vor Hirntumoren gefürchtet. Vor ewiger Belästigung in Restaurants und Bussen.

Aber vor Überwachung? Gewiss nicht. Zwar gilt der totale Überwachungsstaat als eine erst durch die Technik möglich gewordene Horrorvision. Aber wir denken dabei an einen Diktator. Nicht an das Diktat der Massen.

Spätestens seit den über YouTube vertriebenen Kameravideos von Husseins Hinrichtung ist das anders. Nun wird offenbar, dass sich die technischen Möglichkeiten der Überwachung paradoxerweise gegen die Eliten selbst gerichtet haben: Gegen die Arkana, die Geheimhaltungspolitik der Mächtigen. In den offiziellen Videos von Husseins Hinrichtung ist nichts von der Häme zu spüren, die der ehemalige Diktator vor seinem Tod erdulden musste. Und wir wissen es nur, weil die Mobiltelefonkonzerne auf der Jagd nach Verbindungsminuten neuerdings Handys mit eigentlich sinnlosen Kameras ausstatten lassen.

Sicher gehört es zu den humanitären Errungenschaften, Menschen nicht öffentlich hinzurichten, ihre Leichen nicht zur Schau zu stellen. (Erst recht gehört es dazu, Menschen gar nicht erst hinzurichten.) Ich will mich nicht in der Frage verlieren, ob man den Irakern vorschreiben durfte, ausgerechnet für Saddam Hussein auf die Todesstrafe zu verzichten. Und ob sein Tod dem Frieden im Irak dienen kann – oder nicht.

Dennoch scheint es mir am Punkt vorbei, nun lautstark zu beklagen, dass im Internetvideo im Gegensatz zum staatlichen Material der Moment des Todes gezeigt wurde (wie etwa Bettina Gauß es in der taz tut oder etwas verschwiemelter Kurt Sagatz im Tagesspiegel). Sich solche Fragen zu stellen, gehört natürlich zum Handwerk des Journalisten. Sie aber dem Bürger vorzuhalten, der Zeuge eines historischen Momentes wird und ihn zunächst nur dokumentiert, ist wohlfeil. Schon deshalb, weil jeder Journalist sich natürlich neugierig solche Bilder anschaut, bevor er beschließt, sie aus humanitären oder persönlichkeitsrechtlichen Gründen seinen Lesern vorzuenthalten - oder eben zu zeigen.

Gerade Journalisten sollten doch den Widerstand gegen die staatliche Zensur in dem Hussein-Video anerkennen. Die Emanzipation des BĂĽrgers. (Was im ĂĽbrigen auch die Diskussion ĂĽber die Todesstrafe selbst neu beleben dĂĽrfte.)

Beim deutschen Youtube-Klon Myvideo wurde übrigens das Video von der Hinrichtung wieder herausgenommen – offiziell vor allem aus Gründen des Jugendschutzes. Bei Youtube wird der Nutzer lediglich um einen Beleg gebeten, volljährig zu sein (durch Registrierung). Was den Eindruck hinterlässt, bei Myvideo erleben wir nur den verlängerten Arm der Staatsräson. Im Internet, wo ein Anbieter so weit entfernt liegt, wie der andere, kann uns das freilich egal sein.

Wie total die Handy-Überwachung geworden ist, müssen derweil vor allem Schauspieler und andere Berühmtheiten erfahren, die zwar ihren Paparazzi von Zeit zu Zeit entfliehen können, wohl aber niemals den von den Boulevardmedien geadelten „Leserreportern" mit ihren Handykameras. Die erwischen Prominente wie Kate Moss sogar beim Koksen. Hier gewinnt das Wort vom „globalen Dorf" einen ganz neuen Klang. Denn diese technische Überwachung stellt genau jene soziale Kontrolle wieder her, die so viele Menschen beim Auswandern in die anonymen Städte entfliehen konnten. Vermutlich hatte EU-Kommissar Günter Verheugen nur Glück, dass seine Fotos vom FKK-Strand zuerst an Focus verkauft wurden – und nicht im Internet landeten.

Die Eliten werden sich umstellen müssen. So direkt bekamen sie die Demokratie, die „Herrschaft des Volkes", bislang nicht zu spüren. Das ist in seinen Auswüchsen nicht immer angenehm, zuweilen unmoralisch. Aber geben wir uns ruhig noch ein wenig Zeit, neue Regeln einzuüben, für diese technische Innovation wirklichen Überallfernsehens. (wst)