Trailer an die Macht

Der medienvermittelte Ausstoß an Kultur führt sowohl zu empfundener als auch zu realer Beschleunigung der Lebensgeschwindigkeit. Der Medienmensch versucht, souverän zu bleiben - er adaptiert.

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Von
  • Peter Glaser

In einem “Versuch über die Stille” schrieb die Kölner Pianistin Grethe Wehmeyer, dass klassische Musik “seit fast 200 Jahren erheblich schneller gespielt wird, als sie vom Komponisten gemeint war”. Was wir heute Virtuosität nennen, ist vor allem an schnellerem Tempo interessiert. In Werbespots muss die Musik in kürzester Zeit ihre volle Wirkung entfalten, weshalb an Originalvorlagen orientierte Jingles meist noch schneller gespielt werden als das Original. Dem dadurch entstehenden Eindruck von Beschleunigung steht entgegen, dass Filme im Fernsehen manchmal sogar trickreich verlängert werden. Szenen, die man vor einem Werbeblock bereits gesehen hat, werden danach gleich nochmal wiederholt - wie es scheint, um dem Gedächtnis der Zuschauer wieder auf die Sprünge zu helfen. In Wahrheit dienen solche Redundanzen als Zeitfüller, um einen weiteren Werbeblock im Filmverlauf unterbringen zu können - zwischen zwei Werbeinseln müssen mindestens mindestens 20 Minuten Film zu sehen sein. Zeit also für weitere Winzurlaube.

Die Beschleunigungsturbulenzen sind als heftiger Fahrtwind längst auch heraußen in der nichtmedialen Welt zu spüren. Die Ladenbesitzer der Londoner Oxford Street etwa versuchen mit einer Mindestgeschwindigkeit für Fußgänger Streit zwischen Langsamgehern und Schnellgehern zu verhindern. Sie haben beantragt, den Bürgersteig in zwei Fußgängerspuren aufzuteilen. Zu bestimmten Zeiten, etwa während der Schlussverkäufe oder im Weihnachtsgeschäft, sinkt das Durchschnittsgehtempo auf gemessene 1,6 Stundenkilometer. Das macht Menschen, die schnell irgendwohin wollten, aggressiv und stört andererseits die Shopping-Trance der Langsamen.

Der größte Weilchenbeschleuniger des Planeten aber ist das Internet. Die neuen Bewegungsmöglichkeiten in der digitalen Dimension empfinden nicht alle Menschen als entspannenden Zugewinn. Zu viel scheint unausgesetzt und gleichzeitig zu geschehen. Wer keine Lust hat, den Wandel nur zu erleiden, passt seine Mediengeschicklichkeit an.

Was vor ein paar Jahren nur als Parodie denkbar war, dass man sich nämlich hinsetzt und statt fernzusehen Internet guckt, ist vor allem bei Laptop-Leuten inzwischen gang und gäbe. Und es sind aber nicht nur die beschränkten Akkulaufzeiten, die sie meist davon abhalten, sich eine DVD oder gar ein On-Demand-Video anzugucken. Ein Rechner, ob am Netz oder nicht, ist ein anderes, flimmerigeres Mediotop als der vorbeiplätschernde Bilderbach des Fernsehens. Am Rechner ist man viel eher gewillt, die Richtung zu wechseln, die Software, die Website, den Service, als mit der TV-Fernbedienung doch nur zwischen verschiedenen Programmen hinundherschalten zu können.

Längst ist die Idee des Albums, das mit Vinylschallplatten verbunden war, in Auflösung begriffen und durch die Möglichkeit, sich einzelne Tracks aus dem Netz zu ziehen, atomisiert. Ähnliches widerfährt nun den Bildern. Die wahre Gefahr für ihre Filme haben die Behüter Hollywoods noch gar nicht erkannt: Es sind nicht illegale Kopien von Kinofilmen, die durchs Netz geistern, sondern die sozusagen Mikro-Filme. Die Technologie-Marktforscher der Firma ABI Research haben ermittelt, dass nur fünf Prozent aller (nordamerikanischen) Nutzer von Online-Videos schon einmal einen Kinofilm über das Internet käuflich erworben haben. Sieben von zehn Nutzern dagegen schauen kurze Clips, vor allem Sport, Nachrichten und Unterhaltung. Abendfüllend war gestern, heute ist YouTube. Wer kennt nicht das Gefühl, nachdem er im Kino gewesen ist, dass der Trailer, den man sich zuvor angesehen hatte, eigentlich schon der ganze Film gewesen ist? Nun wird der Trailer zum Hauptfilm. (wst)