Zum Kind verdammt

Um die Pflege ihrer behinderten Tochter zu vereinfachen stoppen die Eltern das Wachstum ihres Kindes mit Medikamenten. Die Ärzte haben eine Grenze überschritten, die Peter-Pan-Behandlung ist falsch.

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Von
  • Hanno Charisius

Ashley, ein neun Jahre altes Mädchen, das im US-Bundesstaat Washington lebt, soll nicht mehr wachsen – so lautet der Wille seiner Eltern. Ärzte spritzten dem Kind seit seinem sechsten Geburtstag Östrogen in hohen Dosen. Ashley sollte nicht größer als 1,30 Meter und nicht schwerer als 34 Kilogramm werden.

Das weibliche Geschlechtshormon stoppte das Knochenwachstum, gleichzeitig stürmte Ashleys Körper durch die Pubertät. Ihre Brüste haben die Ärzte ihr vorsorglich entfernt, ebenso die Gebärmutter. "Ashley Treatment" nennen die Eltern die Behandlung und einen Weblog, in dem sie die Leidensgeschichte ihres Kindes erzählen und versuchen, ihre Handlungen, die in den USA für heftige Debatten sorgen, zu erklären.

Ashley ist seit ihrer Geburt geistig und körperlich schwer behindert. Ärzte schätzen ihre geistige Entwicklung auf dem Stand eines drei Monate alten Babys und gehen davon aus, dass, sie sich in Zukunft auch nicht geistig weiter entwickeln wird. Aus Sorge darum, dass sie für die ausgewachsenen Ashley kein Pflegepersonal mehr finden würden, wandten sich die Eltern an die beiden Hormonspezialisten Daniel Gunther und Douglas Diekema. Die beiden Ärzte rieten zu einem bislang einmaligen Experiment, im Mai 2004 stimmte auch die Ethikkommission des Krankenhauses dem Vorhaben zu.

Bis zum Herbst war das Experiment nur Fachkreisen durch eine Veröffentlichung im Fachmagazin Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine bekannt. Zum Jahreswechsel haben die Eltern im Internet Stellung zu ihrem Handeln bezogen.

Ein moralischer Modellfall: Darf man das Wachstum schwer entwicklungsgeschädigter Kinder bremsen, um ihre Pflege zu vereinfachen? Die öffentliche Meinung in den USA pendelt zwischen "Gott spielen", "Bequemlichkeit" und "Eugenik". Ärzte und Eltern sind sich sicher, dass sie zum Besten Ashleys gehandelt haben und dass es ihr gut gehe. Kritiker sagen, dass Ashley ohnedies wegen ihrer Krankheit kaum noch weiter gewachsen wäre.

Auf die Absicht allein kommt es jedoch nicht an, nicht alle Mittel werden vom Zweck geheiligt. Der für Ärzte wichtigste Grundsatz, ihren Patienten keinen Schaden zuzufügen, ist von den Medizinern und der zuständigen Ethikkommission missachtet worden. "Das Wachstum zu stoppen ist kein ethischer Weg", kommentiert der Bioethiker Arthur Caplan vom Center for Bioethics an der University of Pennsylvania auf der Nachrichtenseite MSNBC. Das Verhalten der Ärzte sei unangebracht und Resultat eines schlechten Gesundheitssystems schreibt er über die Behandlung des "Pillow Angel", wie Ashleys Eltern ihre Tochter auch nennen, weil sie meist regungslos in ihren Kissen liegt.

Caplan räumt ein, dass er die Logik der Eltern nachvollziehen könne, dass ein Mensch, der sich nicht bewegen kann, klein ein besseres Leben führen kann als groß. Dennoch hält er die "Peter-Pan-Option" für falsch: "Unsere Gesellschaft sollte in der Lage sein, in solchen Fällen angemessen zu reagieren und die richtige Unterstützung zu geben." (wst)