Wer war A.H.?
Dass sich immer weniger verheimlichen lässt beziehungsweise immer mehr immer transparenter gemacht wird, lässt sich in der ethischen Bewertung nicht über einen Kamm scheren.
- Peter Glaser
Anfang 1995, ein Campus in England - die Universität von Cambridge. Durch eine frühe Webcam sieht man vom Dach eines Forschungslabors aus über das Universitätsgelände. Hinter einem großen, alten Baum ist das Computerlabor der Universität zu sehen. Einzelne Gebäude des “Cambridge Panorama” - heute eine digitale Antiquität - sind mit Nummern bezeichnet, die man anklicken kann. Das Olivetti Research Laboratory mit der Kamera auf dem Dach läßt sich am Bildschirm durchwandern. Im Erdgeschoß ist auf der Homepage ein Bild vom Arbeitsplatz eines gewissen A.H. zu sehen, ein kleines Büro mit einem Rechner auf dem Tisch, einem schlichten Stilmöbel als Schreibtischsessel und einem schneeweißen Sprossenfenster, das den Blick ins Grüne führt.
Ich klicke mich in das Arbeitszimmer von A. H. und kann mir ansehen, was er gerade auf seinem Computerbildschirm hat. Ein Progrämmchen auf seinem Mac fertigt jede Minute einen Screenshot an, der ins Netz gestellt wird. Die Webseite trägt den Titel "Is There No Privacy?" und beantwortet die Frage auch gleich: "I guess not", gefolgt von einer Liste mit Leuten, die sich ebenfalls über’s Web auf den Bildschirm sehen lassen. Projektschwerpunkt des Labors ist die Entwicklung von "Active Badges" - kleiner elektronischer Anstecker mit Infrarotsensoren, die sich innerhalb eines Gebäudes orten lassen. “Wenn ich sowas kriegen könnte, würde ich auch erstmal eine Weile damit rumlaufen, schon wegen der Spielfreude”, schrieb ich damals. Elf Jahre später, auf dem 23. Chaos Communication Congress in Berlin, ist der Spaß massentauglich: mit dem Chaos Positioning System ergeht sich die Hackerschaft auf’s Heiterste der freiwilligen Totalüberwachung per RFID. Mitglieder der österreichischen Künstlergruppe Monochrom bieten dazu formidables Liedgut dar.
2002 wurde das Olivetti Research Laboratory, das seit 1999 AT&T Laboratories Cambridge hieß, geschlossen. Während der Nachschau entdeckte ich nun in der Wikipedia, wer A.H. ist: Andy Hopper, Mitgründer der Computerfirma Acorn (die 1985 von Olivetti gekauft wurde) und seit 1986 Direktor des Labors. Ich habe früher beim Chatten im IRC oft genug das “Init Game” gespielt, bei dem jemand die Initialen einer Person nennt und die anderen durch spezifizierende Fragen den vollen Namen erraten müssen (was meist erstaunlich schnell geht).
Dass sich immer weniger verheimlichen lässt beziehungsweise immer mehr immer transparenter gemacht wird, lässt sich in der ethischen Bewertung nicht über einen Kamm scheren. Anfang Dezember begann im Tokioter Geschäftsviertel Ginza ein Großversuch mit etwa 10.000 RFID-Tags nebst Internet- und WLAN-Infrastruktur, die Information zu den markierten Orten mehrsprachig verfügbar machen soll. Wer schon mal versucht hat, sich in Tokio zurechtzufinden - einer Stadt ohne Straßennamen und ohne Hausnummern -, wird dem “Tokyo Ubiquitous Network Project” erst einmal interessiert bis positiv gegenüberstehen. “Mit der neuen Technik drückt man einfach einen Knopf”, so Gouverneur Shintaro Ishihara, “und weiß sofort, in welche Richtung man zu gehen hat - selbst, wenn man betrunken ist."
Anders dagegen mutet das Experiment an, Soziale Netze in die Analogwelt herauszumaterialisieren, wie es nun am MIT-Campus in Gang gesetzt wird. Forscher des MIT SENSEable City Labs haben mit iFIND ist ein digitales Hilfsmittel vorgestellt, das es den etwa 20.000 Leuten am Campus per Laptop ermöglicht, “den Standort von Freunden und Bekannten zu ermitteln und somit die soziale Interaktion zu verbessern”. Mich erinnert das ein bißchen an eine Donald Duck-Geschichte, in der Donald nebst Neffen Campingurlaub macht und den Kindern, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, kleine Radiumkügelchen auf die Mützen montiert hat, die er mit einem handlichen Geigerzähler jederzeit anpeilen kann. Zwar arbeitet iFIND so, dass keine Daten an einem zentralen Ort abgelegt werden, und alle Verbindung werden verschlüsselt übertragen. Die Teilnehmer entscheiden selbst, von wem sie wann gesehen werden wollen. “Notfallkonzepte”, bei denen die Positionen der Nutzer anonym an Polizei, Feuerwehr oder andere Einrichtungen übermittelt werden könnten, mindern jedoch die unabhängige Experimentierfreude.
Der Versuch, die Vor- und Nachteile von Ortung und Geortetwerden in Einklang zu bringen, führt manchmal auch zu paradoxen Ergebnissen. So verkauft ein japanischer Hersteller “Hello Kitty”-Schutzhüllen für RFID-Karten, die den Funkchip gegen Absahner abschirmen, welche die Inhalte der Karte heimlich kopieren und mißbrauchen. Leider gehen dadurch auch die Bequemlichkeiten der Technik verloren und statt einfach die Handtasche am Drehkreuz vorbeizuschwenken, muß man wieder die Karte rausgraben, die Schutzhülle abziehen und die nackte Karte über das Lesegerät ziehen. (wst)