iPhone revisited

Revolutionär soll es sein. Doch tatsächlich setzt Apple nur den Trend fort, Handys mit immer neuen Funktionen zu überladen. Ein Gerät wie der PC: Geeignet für alles. Und für nichts richtig.

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Von
  • Matthias Urbach

Okay: Das Ding ist sexy. Meine Liebste streicht nur noch mit dem Daumen von links nach rechts über ihr Handy, so wie Steve Jobs es vergangene Woche auf der Macworld beim Entriegeln des neuen Applehandys vormachte - in der Hoffnung, ihr Blackberry könne sich in ein iPhone verwandeln.

Und auch mein geschätzter Blog-Kollege Ben Schwan überschlug sich vergangene Woche, sprach gar vom „übererfüllten Hype“. Und ja, auch ich hätte das Wunderding gern mal in der Hand. Doch ein wenig komisch war es schon, wie da Steve Jobs auf der Bühne ein kleines Ding in die Höhe hielt, in einem fort von „Durchbruch“ und „Revolution“ redete, und die Macworld-Gemeinde staunte und jubelte, als spreche da der Heiland persönlich. Es gilt weiter das Bonmot: Apple hat keine Kunden, es hat Jünger.

Hat Steve Jobs also das Handy, wie er sagt, revolutioniert? Oder hat er, um etwas nüchterner zu fragen, nur einen Video-iPod mit einer Telefonierfunktion ergänzt? Wie viele Geräte wollen wir eigentlich in einem haben? Und was sind die Nachteile, die wir dafür in Kauf nehmen müssen? Von denen war bislang nämlich keine Rede.

Mann muss nur schauen, mit welch spitzen Fingern Jobs sein neues Baby anfasst, um gleich zu merken. Das Ding ist nicht geformt worden, um gut in der Hand zu liegen. Dafür ist es zu dünn, zu empfindlich. iPod-User stecken ihre Geräte gern in Gummihäute, um sie vor den Widrigkeiten des Lebens zu schützen. Wie aber will man dann einen Touchpad bedienen?

Etwas so Dünnes (und damit wenig Griffiges) wie das iPhone – es misst nur elfeinhalb Millimeter – fällt eher aus der Hand als ein normales Handy. Und die fallen schon oft genug auf den Boden. Hält das iPhone so was aus? Auch passt es mit 11,5 mal 6,1 Zentimetern Größe nicht in die Hosentasche. Und wenn mal eine Hosentasche groß genug ist, dürfte des Riesendisplay des dürren Gerätes schon beim ersten Hinsetzen zerspringen. In der Handtasche wiederum zerkratzt es fix.

Der Tastenabstand beim SMS-Tippen ist noch mal kleiner als beim typischen Blackberry, wo aber wenigstens die haptische Struktur der Tasten eine gewisse Orientierung gibt. Frauen mit längeren Fingernägeln und Männern mit großen Händen haben auf dem Touchpad ohnehin wenig Chancen. Die Akkulaufzeit ist im reinen iPod-Betrieb mit 16 Stunden so klein wie es bei dem iPod-Nano schon viele Kunden abgeschreckte. (Ein SonyEricsson Walkman-Handy läuft fast doppelt so lang.) Und was ist, wenn man auch noch telefonieren will. Und im Internet surfen?

Das Surfen im Internet mit einem handlichen Gerät per WLAN, das scheint mir die interessanteste Anwendung des iPhones zu sein. Hier könnte die Fingersteuerung wirklich überzeugen. Aber für den Preis von irgendwas bei 900 Dollar (genaueres ist nicht bekannt) pur, bzw. 500 Dollar mit zwei Jahren Handyvertrag? Da gerät man schon in die Preissphären eines Laptops. Ein etwa Din A5 großes WLAN-fähiges Internetgerät – das könnte man vielleicht brauchen. Das für 200 Dollar zu entwickeln, wäre wirklich revolutionär. Von mir aus auch mit Fingersteuerung. Oder ein wirklich handliches, robustes Telefon – dessen Tasten nicht bereits nach einem Jahr prellen. Das übersichtlich ist und trotzdem in die Hosentasche passt.

In den vergangenen Jahren wurden mehr und mehr Funktionen ins Telefon gestopft. Immer mehr nähert es sich dem Prinzip des Computers. Ein Maschine für alles – und für nichts richtig geeignet. Apple hat dies nun ins Extrem getrieben. Und was kann man auch anderes erwarten, von einem Computerhersteller, der nun ein Telefon baut? Revolutionär aber ist das nicht.

Schon vor Apple haben sich Handspring/Palm und Sony an solchen eierlegenden Wollmilchsäuen probiert – und waren nicht besonders erfolgreich. Der Blackberry hingegen war gerade wegen seines schlichten und robusten Designs erfolgreich; und wegen der Chuzpe, eine gesamte Schreibmaschinentastatur so klein es eben ging, auf ein Handy zu setzen. Inzwischen freilich baut auch Blackberry ganz normale Telefone neben seinem Klassiker. Kein Wunder also, dass Steve Jobs' Ankündigungen zu den erhofften Verkaufszahlen längst nicht so umwälzend klingen wie die zur Technik: Gerade mal 10 Millionen Stück will er 2008 absetzen. Das wäre ein Marktanteil von nur einem Prozent. Der iPod hält fast zwei Drittel.

Das iPhone wird sicher seine Fans finden. Schon weil man sich für cool halten kann, wenn man eines besitzt. Revolutionär ist das nicht. (wst)