Nach dem Sturm, vor dem Sturm

Die Begegnung mit Kyrill hat gezeigt, dass die Deutschen lernen, mit Unwettern zu leben.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Hanno Charisius

Menschen haben im Orkan ihr Leben verloren, viele wurden verletzt, Zehntausende waren ohne elektrischen Strom, Eigentum wurde zerstört – neben nicht abschätzbarem menschlichen Leid hat der Sturm Kyrill nach ersten Kalkulationen Schäden im Wert von einer Milliarde Euro in Deutschland hinterlassen. Das muss man wissen. Denn die Medien machen es einem hier nicht gerade leicht, die Naturgewalten noch ernst zu nehmen, den abgestumpften Nachrichtenkonsumenten ließ die angekündigte Katastrophe jedenfalls kalt.

Für ein Land, das wenig Routine im Umgang mit Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüchen, Riesenwellen, Waldbränden, Erdebeben oder tropischen Wirbelstürmen hat, war der Auftritt Kyrills eine neue Erfahrung. Die Vorhersagen des Ereignisses waren präzise wie selten, auch wenn Privatwetterdienstler Jörg Kachelmann die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes übertrieben fand, im nachhinein. So hatte das Land genügend Zeit, sich auf das Bevorstehende vorzubereiten, und das hat es u.a. nach den Worten von Hans-Peter Kröger, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbande auch gut hinbekommen (Pressemitteilung).

Gab es vorher schon mal in Deutschland ein derartig umfassendes Krisenmanagement? Schulen wurden geschlossen. Besorgte Chefs hatten ihre Angestellten früher nach Hause geschickt. Die Bahn hatte ihren Fernverkehr vorsorglich komplett eingestellt, ein Ärgernis sicherlich für Abertausende gestrandete Reisende, doch lieber im Bahnhof stehen als auf freier Strecke. Straßen wurden gesperrt. Fenster vernagelt, der Wagen in einer Tiefgarage geparkt, Bäume wurden gesichert, man blieb daheim.

In anderen Ländern ist man dramatische Auftritte der Natur gewöhnt und hat sich entsprechende Verhaltensweisen zugelegt. Man baut erdbebensichere Häuser, legt Keller an, um sich vor Hurricanes in Sicherheit bringen zu können, richtet ein Decken- und Keksdepot ein, um auch mal zwei Tage vollkommen eingeschneit überstehen zu können.

Viele Vorbereitungen auf Kyrill liefen so gelassen ab, dass man schon beruhigt sein möchte, für kommende Wetterextreme dieser Art. Dieselben Leute, die da über vermeintlich überzogenen Maßnahmen nörgeln, wären wahrscheinlich noch viel lauter, wenn die Gefahr im Vorfeld kleiner eingeschätzt worden wäre. Vorsorge wird doch nicht dadurch falsch, dass eine Katastrophe ausbleibt. In den USA ist man da schon gelassener gegenüber den Institutionen. Die katastrophalen Folgen des Wirbelsturms Katrina im August 2005 waren vielfach vorhergesagt worden. Das Land hat sich darauf vorbereitet, nicht gut genug, sicherlich. Aber wäre Katrina weniger verheerend gewesen, wahrscheinlich hätte sich niemand über Alarmismus mokiert.

Es hätte noch schlimmer kommen können. Und wahrscheinlich wird es das auch noch. Wenn Kyrill wirklich ein Vorbote der Klimaveränderung war und nicht ein extremes Wetterphänomen, müssen wir uns auf einiges gefasst machen. Und dann war Kyrill so was wie eine Generalprobe. Und die ist ziemlich gut gelungen. (wst)