Das feine Nichthaben
Durch Weglassen läßt sich viel bewirken, billiger ist es auch. Und es fördert das Ansehen.
- Peter Glaser
Dass etwas eine Nachricht ist, weil es nicht da ist, kennt man aus der politischen Berichterstattung (“Die Verhandlungen brachten auch am zweiten Tag kein Ergebnis”). In der digitalen Welt ist die Sachlage komplexer, da gewissermaßen alles nicht da ist beziehungsweise nur scheinbar – virtuell – da ist. Hinzu kommen noch Dinge, deren nahende Existenz erstmal verkündet wird. Solche Produktankündigungen sind allerdings, wie man inzwischen weiß, oft eher unternehmerische Taktik, um die Kunden bei der Stange zu halten, als gradlinige Absicht, baldmöglichst ein fertiges Stück Hardware oder Software zu produzieren. Angekündigte Objekte, an die keiner mehr glauben mag, heißen Vaporware. Die heißesten dieser Dampfprodukte werden mit einem jährlichen Preis ausgezeichnet (Beim letzten Vaporware Award im Dezember 2006 auf Platz 1: das Killerspiel Duke Nukem Forever, von dem 1997 die ersten Demos zu sehen waren und das es, um der Auszeichnung gerecht zu werden, natürlich immer noch nicht gibt).
Nun hat die Firma Dell in den USA Rechner auf den Markt gebracht, denen Windows NICHT beiliegt, so Pressemeldungen. Die Werbung für die Geräte zielt auf Open Source-Kundschaft. Da aber auch Dell eine Lizenzvereinbarung mit Microsoft unterschrieben hat, derzufolge Hardwarehersteller Computer nicht ohne Betriebssystem ausliefern dürfen, ist auf den Maschinen FreeDOS installiert, eine Open Source-Neuzüchtung des seligen DOS.
Der, nunja: Geschäftsmann Adnan Kashoggi soll einmal gesagt haben, es gebe zwei Möglichkeiten, Münzen auf den Boden fallen zu lassen: leise auf einen Teppich oder klingelnd auf Marmorboden. Wir sehen also: Das Zurückhaltende ist definitiv Ausdruck unserer Zeit geworden. Nicht nur Design und Ästhetik sind von ihren Ausritten in den wilden Luxus zurückgekehrt in eine Nobilität des Nützlichen. Conspicious Minimalism nennen die Amerikaner die Lebensart, bei der das Nichtbesitzen bestimmter Güter als Zeichen moralischer und geistiger Überlegenheit stolz vorgezeigt wird – fensterlose Rechner beispielsweise. Status verleiht heute ohnehin nicht mehr der Besitz von Dingen, sondern die Art, wie man die Dinge benutzt. Durch Weglassen läßt sich viel bewirken, billiger ist es auch. Und es fördert das Ansehen. (wst)