Stammzellen @ home

Vielversprechende Stammzellen lassen sich ethisch korrekt aus dem Fruchtwasser gewinnen – zur Not sogar daheim im sterilisierten Hobbykeller

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Hanno Charisius

Ein Team um Anthony Atala von der Wake Forest University in North Carolina, jenem Gewebezüchter, der es im Jahr 2002 hinbekam, den corpus cavernosum, den Schwellkörper von Kaninchen im Reagenzglas nachzuzüchten (Technology Review 11/04), hat Zellen fötalen Ursprungs in den Resten routinemäßig durchgeführter Fruchtwasseruntersuchungen gefunden und ihre Quelle entdeckt: das Amnion, die Fruchtblase, und deshalb heißen die gefundenen Zellen jetzt AFS-Zellen (Amniotic fluid-derived stem cells). Damit, so die Hoffnung, sollen sich in Zukunft Krankheiten behandeln oder individuelles Ersatzgewebe für Patienten herstellen lassen. Ähnliche Zellen hatte der auf Ersatzgewebe und Organreparatur spezialisierte Atala bereits zuvor in Plazenten nach dem Ende regulärer Schwangerschaften gefunden.

Andere hatten auch schon Zellarten im Fruchtwasser entdeckt, die aber nur über ein begrenztes Entwicklungspotenzial verfügten. Die neuen Zellen bezeichnen die Entdecker als pluripotent. Ihre Wandlungsfähigkeit liegt demnach irgendwo zwischen den allmächtigen, aber – weil Embryonen dafür zerstört werden müssen – umstrittenen embryonalen Stammzellen und den recht unflexiblen, aber ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen, die im erwachsenen Körper für die Gewebeerneuerung sorgen. Im Fachjournal Nature Biotechnology berichten sie außerdem, wie sie daraus Fett-, Muskel-, Knochen-, Nerven-, und Leberzellen züchten konnten. Eltern könnten ein paar von diesen Zellen einfrieren, um sie im Krankheitsfall aus dem Kühlfach holen und zum Arzt tragen zu können, der sie in Ersatzgewebe verwandelt. Eine schön aber ferne Zukunftsvision.

Und weil es technisch so einfach ist, AFS-Zellen aus einer Plazenta zu isolieren, hat der Ungar Attila Csordás (sprich: tschor-dasch) eine bebilderte Anleitung (*vorsicht blutig!*) mit 21 Schritten in seinem lesenswerten Pimm-Weblog (für partial immortalization) veröffentlicht.

Die beiden schwierigsten Aufgaben in Csordás Protokoll verbergen sich wahrscheinlich hinter Punkt drei und vier: "Sprechen sie mit der zukünftigen Mutter und dem Vater und überreden Sie sie dazu, die amniotischen Zellen zuhause zu lagern." Und: "Überzeugen Sie den Arzt davon, dass er die Plazenta nach der Geburt in ein sterile Flasche steckt und auf Eis lagert."

Alles in allem schätzt er die Kosten für das notwendige Equipment auf ein paar Tausend Dollar. Viel Geld, gibt er zu, es sei aber besser angelegt als bei Unternehmen wie vita34, die als Dienstleister Nabelschnurblut konservieren, dessen Nutzen recht zweifelhaft ist. Auch die AFS-Zellen haben erstmal nur im Labor zeigen dürfen, was sie können. Ob daraus jemals Therapien werden? Wir werden sehen.

Das muss Unternehmernaturen natürlich nicht davon abhalten, neue Angebote zu erfinden. Wer die Investition in eine sterile Werkbank, Stickstoffkühlgeräte und Zentrifugen scheut, wird sicherlich bald Dienstleister im Internet finden. Mal schauen, wie lange es dauert, bis Erkenntnis in Geld umgesetzt wird. (wst)