Heilige Hochtechnik
Den Päpsten gefällt, mit wieviel Macht und Leidenschaft moderne Technik die Menschen erfaßt, aber es gibt auch viel zu kritisieren. Nun wird die Klinge auf kuriose Weise stumpf.
- Peter Glaser
Wo die Zuständigkeit des Vatikan in Technologiefragen liegt, war für den deutschen Raumfahrtpionier Eugen Sänger völlig klar. In seinem Buch “Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges” von 1958 erläutert er: “Die Frage nach dem Sinn solcher Unternehmen hat Papst Pius XII. im Herbst 1956 gegenüber Teilnehmern des Internationalen Astronautischen Kongresses in Rom mit der offiziellen Erklärung beantwortet: ‘Der Herrgott, der ins Menschenherz den unersättlichen Wunsch nach Wissen legte, hatte nicht die Absicht, dem Eroberungsdrang des Menschen eine Grenze zu setzen.’“
Inzwischen hat das Menschenherz das unersättliche Wünschen in den digitalen Weltenraum verlegt. Seit Weihnachten 1995 ist auch der Heilige Stuhl online: Johannes Paul II. erwies sich als großer Verfechter der modernen Medien – “da sie neue Wege der Evangelisierung eröffnen", wie die amerikanische Schwester Judith Zoebelein sagt. Zoebelein ist päpstliche Internet-Chefexpertin, sie hat die ersten Server im Keller des Apostolischen Palastes eingerichtet. Der Webserver heißt nach dem Erzengel der Verkündung “Gabriel”, die Firewall nach dem Wächter-Engel “Michael” und das vatikanische Intranet “Raphael” – auch Raphael arbeitet stets im Geheimen.
Im Frühjahr 2002 mußte der E-Mail-Account von Johannes Paul II. allerdings zeitweise wegen Überlastung geschlossen werden. Ein Vatikan-Sprecher erklärte dazu, Gläubige sollten bei Problemen lieber zuerst mit ihrem Pfarrer sprechen. Dass die Technik trotzdem solide läuft, zeigte sich nicht zuletzt im Oktober letzten Jahres, als einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur ANSA zufolge islamische Hacker die Website erfolglos attackierten. In einem Online-Forum militanter Muslims hatte eine Gruppe angekündigt, als Vergeltung für die Islam-Kritik Papst Benedikts in seiner Regensburger Rede das Computernetz des Vatikan anzugreifen.
In seiner Botschaft zum 41. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, der immer am am 24. Januar stattfindet, hat Benedikt XVI. nun unter anderem Gewaltverherrlichung und antisoziales Verhalten in Videospielen als Perversion gegeißelt und als Ursache ausgemacht, dass der "wirtschaftliche Druck Medienschaffende zu niedrigeren Standards drängt". Der Papst empfiehlt, nicht nur über die Erziehung der Kinder nachzudenken, sondern in der umfassenden Väterlichkeit eines Unfehlbaren auch über “die Erziehung der Medien”. .
"The Medium is the Message" hat Marshall McLuhan 1967 geschrieben: Bemerkenswert an der päpstlichen Botschaft ist ihre scheinbare Modernität. Die Killerspiel-Diskussion wird ebenso aufgegriffen wie Fragen der Medienversiertheit oder wo die Pfade der Zivilisation durch den Google-Dschungel verlaufen. Aber eine sonderbare Blässe liegt auf diesen Sätzen, die ähnlich schon auf Hunderten von Medienkongressen zu hören waren, moralischer Appell inklusive. Will, um Gottes Willen, die Kirche nicht mehr anders sein? (wst)