Verstrahlt
Daten einer skandinavischen Mobilfunkstudie lösen einen Streit um die Interpretationshoheit aus: unter Journalisten.
- Hanno Charisius
„Handys können Krebs auslösen“, titelte die Süddeutsche Zeitung am vergangenen Mittwoch. Damit Journalisten über das Werk anderer Journalisten schreiben, muss man sie entweder ins Medienressort stecken oder mächtig ärgern. Über die Süddeutsche wurde in der letzen Woche viel geschrieben – auf den Wissenschaftsseiten, so zum Beispiel in Spiegel, Stern oder Welt. Das muss ein klarer Fall von Ärgern gewesen sein. Da wollen wir natürlich nicht fehlen.
„Der langjährige Gebrauch von Mobiltelefonen fördert womöglich das Wachstum von Hirntumoren. Neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen einen Anstieg des Risikos bei Menschen, die seit mindestens zehn Jahren regelmäßig oder besonders intensiv ein Handy benutzen“, hieß es in der Geschichte (nur für Abonnenten zugänglich).
Bei den Vieltelefonierern haben die Forscher ein höheres Risiko für Gliome gefunden, eine Hirntumorart, und zwar auf der Kopfseite, auf der sie gemäß Befragung das Telefon für gewöhnlich halten.
Die Probandenzahl ist sehr hoch, die Zahl der Krebsfälle niedrig, insgesamt haben die Forscher einen kleinen, aber laut Regeln der Statistik nicht vom Zufall ausgewürfelten Effekt gefunden, der sie selbst jedoch nicht dazu veranlasst hat, Alarm zu schlagen. Zwei Wochen lang blieb der Artikel in der Online-Ausgabe des International Journal of Cancer unbemerkt. Andere Ergebnisse der gleichen Studie weisen darauf hin, dass es kein erhöhtes Krebs-Risiko durch Mobiltelefongebrauch gibt.
Kein Wort stand in der Süddeutschen, ohne dass es durch die Ergebnisse der Forscher abgedeckt wäre. Nicht mal die Überschrift ist nach den Daten der Studie inhaltlich wirklich angreifbar. Wohl aber die Entscheidung, die Sache auf der Seite Eins zu drucken. Dafür sind die beobachteten Effekte denn doch zu klein und die Ergebnisse der Studie zu widersprüchlich.
Und warum machen die anderen Medien dann auf Korrektiv?
Man muss sich das so vorstellen: Mittwoch früh in der Redaktionskonferenz bellt der Chef nach Lektüre der Süddeutschen: „Warum haben wir das nicht?“ Und dann muss der zuständige Redakteur erklären. Wahrscheinlich hat er die Studie schon vor zwei Wochen gelesen und die Ergebnisse nicht für bedeutend genug erachtet, um sie in den Nachrichtenstrom einzuspeisen. Berechtigterweise, denn die Ergebnisse der skandinavischen Studie liefern alles andere als ein amtliches Endergebnis.
Also geht man hin und erklärt gleichsam den Lesern und dem Chef, warum man nicht schon früher über die Sache geschrieben hat. Die Kritik reicht von gewollter Datenauslegung bis hin zu billiger Zuspitzung zwecks Auflagensteigerung. Der Chef ist wahrscheinlich zufrieden, der Leser total verstört.
Und die Unsicherheit wird noch wachsen. Die nächste Studie, die wieder etwas anderes herausgefunden hat, steht wahrscheinlich schon auf irgendwelchen Druckfahnen. Wie also umgehen mit kleinstschrittigen und zum Teil widersprüchlichen Erkenntniszuwächsen auf einem Gebiet, das den Leuten viel Angst macht? Schweigen geht nicht, man verschweigt ja auch den zwölften Kompromissversuch in der Gesundheitsreform nicht.
Einerseits wird dadurch der aktuelle Stand markiert, andererseits hat auch der lange und beschwerliche Weg zu einem Durchbruch Nachrichtenwert. Bleibt mit der gebotenen Vorsicht zu berichten – und mit vielleicht etwas kleineren Buchstaben, bis Klarheit herrscht. Auf halbwegs Abschließendes zum Thema „Risiken des Mobiltelefonierens“ müssen wir noch Jahre warten und noch viel Meldungen lesen, die rhythmisch Warnung oder Entwarnung geben.
PS:
Der Autor arbeitet auch fĂĽr die SĂĽddeutsche Zeitung. (wst)