Falscher Lohn
Zweifelhafter Fortschritt: In Großbritannien dürfen Frauen gegen eine Aufwandsentschädigung jetzt Eizellen für die Forschung spenden.
- Hanno Charisius
In der vergangenen Woche wurde das Verbot einer Vergütung für Eizellspenden in Großbritannien aufgehoben. Forscher hoffen, dass auf diese Weise der wachsende Bedarf weiterhin gedeckt werden kann schreibt der britische Observer. Großbritannien ist das erste Land in der EU, das die Eizellspende für die Forschung legalisiert gestattet, um den Zugriff von Stammzell- und Klonforschern auf weiblichen Eizellen zu erleichtern. Bisher wurden in Europa in der Forschung nur Eizellen verwendet, die bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Für die notwendige Prozedur darf es einen "Entschädigungsaufwand" – kein Honorar – von 250 Pfund (370 Euro) plus Fahrtkosten geben.
An Eizellen mangelt es überall auf der Welt. Unfruchtbare Paare können sich damit per Reagenzglasbefruchtung den Kinderwunsch erfüllen, Wissenschaftler brauchen sie, um mit ihrer Hilfe embryonale Stammzellen (ES-Zellen) für die Grundlagenforschung zu gewinnen. In 15 EU-Staaten ist die Eizellspende erlaubt oder nicht geregelt, in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien und Norwegen ist die nach derzeitiger Gesetzeslage verboten.
Eizellen spenden ist nicht wie eine Samenspende: Heftchen anschauen und zack, gefülltes Döschen in die Durchreiche stellen. Die Eizellgewinnung ist medizinisch aufwändig, schmerzhaft und riskant. Über Tage bekommen die Spenderinnen Hormone gespritzt, damit ihre Eierstöcke nicht wie im normalen Zyklus eine Eizelle, sondern mehr, möglichst ein Dutzend heranreifen lassen. Unter Narkose werden dann die reifen Zellen mit einer langen Kanüle aus dem Unterleib gesogen.
Neben den gesundheitlichen Bedenken gibt es ethische Einwände: Eizellen geben Leben. Der Samen, sorry Männer, wirft höchstens das Startprogramm an und steuert ein paar frische Gene bei. Das können aber auch ein paar Hautzellen bewirken, das zumindest haben die Klonexperimente bisher gezeigt.
Die neue Regelung in GroĂźbritannien kann dazu fĂĽhren, dass mittellose Frauen ihre Eizellen spenden, um besser ĂĽber die Runden zu kommen. Das lässt sich in Spanien bereits beobachten: Spanierinnen bekommen eine "Aufwandsentschädigung" von 600 bis 1000 Euro pro Eingriff. 8000 Frauen spenden so motiviert laut Schätzungen der spanischen Tageszeitung El PaĂs jährlich Eizellen fĂĽr fortpflanzungsmedizinische Zwecke – mehr als in jedem anderen europäischen Land. Demnächst soll in Madrid ein Gesetz verabschiedet werden, das Wissenschaftlern gestattet, sich von diesem reichlichen Vorrat ebenfalls zu bedienen.
Bezahlte Eizellspenden mit all ihren Risiken, Komplikationen und ethischen Bedenken, Eizellspenden fĂĽr die Klonforschung. Man muss kein ausgewiesener Gegner des Klonens sein, um diese Entwicklung bedenklich zu finden. (wst)