Die RĂĽckkehr der PD-Ritter
Die Forderungen nach Reformen und einem ausgeglichenen Ansatz zum Schutz geistigen Eigentums haben immens zugenommen. Der Koloss DRM wankt.
- Peter Glaser
Als Anfang der Achtzigerjahre die PC-Ära heraufdämmerte, gab es für kleine User verschiedene Möglichkeiten, an Software zu kommen. Selber schreiben war eine gute Möglichkeit, eine andere, sich zu Weihnachten oder zum Geburtstag einen Homecomputer zu wünschen. Der Verkäufer würde Vati klarmachen, dass ein Computer ohne Software ein totes Stück Plastik ist, und Vati eine Diskette mit einem Spiel dazukaufen. Mehr nicht, denn ein passables Computerspiel kostete zwischen 50 und 100 Mark.
Nun konnte man sich nicht jedesmal einen neuen Rechner wünschen, wenn man mehr Software wollte. Also verständigte man sich mit den Verkäufern in der Spielzeug- oder Elektroabteilung (Computerabteilungen gab es noch nicht). Das erzielte Gentlemans Agreement lief darauf hinaus, dass die Schüler, die nach der Schule bei den Computern herumlungerten, eine der aus Gründen des Diebstahlschutzes festgeschraubten Vorführ-Diskettenstationen benutzen durften, um ihre mitgebrachte Software zu kopieren. Bedingung war, dass sie immer auch eine Kopie für den Verkäufer mitzogen. Die wanderte in einen Schuhkarton unter dem Ladentisch. Wenn dann Vatis kamen, denen anzumerken war, dass sie wussten, was für eine mickrige Angelegenheit 1 Computer und 1 Software ist, zog der Verkäufer den Schuhkarton unter dem Tisch raus und gab noch ein bisserl mehr Software dazu, und der Rechner war verkauft.
Der Siegeszug der Computerindustrie begann, der Rest ist Geschichte. Heute funktionieren Computer, längst vernetzt, immer mehr wie der Fußboden vor Onkel Dagoberts Schreibtisch, wenn Donald sich mal wieder ein paar Taler leihen will und der Onkel auf einen Knopf drückt und eine Falltür aufgeht und Donald reinfällt. Das Verfahren heißt Digital Rights Management (DRM). Wer beispielsweise datenförmige Musik hören möchte, vor dem öffnet sich entweder eine kleine digitale Falltür oder er wird verhaftet, weil er einfach so Musikhören möchte.
Apple-Boss Steve Jobs hat neulich in einem offenen Brief das riesige, schreckliche Thema DRM, das seit Jahren wogt und west, nur ganz leicht mit dem Finger angestupst, und es scheint der richtige Moment und der passende Fingerzeig gewesen zu sein. Immer mehr einflußreiche Hersteller und Vertreiber unterhaltsamer digitaler Datenströme treten nun aus der Deckung und erklären DRM für gescheitert.
Jetzt kommt ein altes Ross zu neuen Ehren: Public Domain. Das war, als die PC-Ära heraufdämmerte, eine weitere Möglichkeit, an Software zu kommen. Irgendwann klingelte es an meiner Tür und jemand stand da, der von einem Freund erfahren hatte, dass ich auch einen Computer habe. Solche Leute haben sich damals gesucht. Ich hab Software, sagte der Freund des Freundes (FdF). Er hatte fast hundert Disketten dabei. Kannst du alles haben, sagte er, aber es gibt eine Bedingung. Ah, der Haken. Du mußt sie auch weiterverschenken, sagte der FdF. Es war ein Erweckungserlebnis. Ich begriff, dass Menschen nicht nur auf der Welt sind, um Geschäfte zu machen.
Der Kapitalismus mag ein wirkungsvolles System sein, aber das Universum ist nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien organisiert. Ich begriff, dass es eine wundervolle Verbindung zwischen Allgemeingut und dem Universum gibt, und dass Public Domain mehr ist als gewöhnliche Software – es ist wundervolle gewöhnliche Software. Und es ist die Mutter von GNU, von Linux und Open Source und Open Access und von hochfeinem Lizenzierungskulturgut wie Freeware, Shareware, GPL oder Creative Commons. Public Domain ist eine prima Sache, und nun, nachdem Steve Jobs den DRM-Koloss mit der Fingerspitze ins Wanken gebracht hat, sieht das sogar die UNO in Gestalt ihrer für prima Sachen zuständigen Unterorganisation WIPO, die sich den Schutz des geistigen Eigentums überall auf der Welt auf den Schild geschrieben hat.
Einer Verlautbarung zufolge will sie nun "den Schutz der Public Domain in ihren Regulierungsverfahren berücksichtigen und verstärkt analysieren ..., welchen Nutzen eine reichhaltige und zugängliche Public Domain hat". Viele waren überrascht, dass diese Formulierung auch von den USA und den EU-Staaten mitgetragen wurde. In gewisser Weise trete die WIPO in ein neues Zeitalter ein, befand etwa der US-Bürgerrechtler James Love. Die Forderungen nach Reformen und einem ausgeglichenen Ansatz zum Schutz geistigen Eigentums haben immens zugenommen. Der Koloss wankt. (wst)