Wir sind Weltraum?
Deutschland möchte eine eigene Mondmission starten, um eine Führungsrolle in der ESA beanspruchen zu können. Ein anachronistisches Vorhaben.
- Niels Boeing
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) will also eine eigene Mondsonde zum Erdtrabanten schicken, wie die Financial Times Deutschland vergangene Woche berichtete. Walter Döllinger, Direktor für Raumfahrtprogramme beim DLR, lieferte später auf Spiegel online interessante Einblicke, was die deutschen Raumfahrtstrategen motiviert: „Ich halte es für klug, die Mission zunächst national zu versuchen. Anschließend können wir unser Gewicht bei der ESA einbringen und eine Führungsposition beanspruchen.“
Da blieb mir doch die Spucke weg. Gerade schickt sich die EU an, Zug in die europäische Technik- und Forschungspolitik zu bringen und eine einheitliche Klimaschutz- sowie Energiestrategie auf den Weg zu bringen. Aber im Weltraum kann offenbar jedes potente EU-Land fröhlich drauflos planen. Oder gibt es bei der ESA womöglich Rangeleien nach Airbus-Vorbild?
Nationale Alleingänge im All gibt es derzeit genug: Die Bush-Regierung hat deutlich zu verstehen gegeben, dass sie den erdnahen Weltraum als Fortsetzung ihres Hoheitsgebietes versteht. China schießt als Proof of Principle mal eben einen ausrangierten Satelliten mit einer Mittelstreckenrakete ab. Indien und Japan haben ebenfalls ihre eigenen Ambitionen.
Und jetzt kommt das DLR und möchte auch eine Duftmarke setzen. Wir sind Weltraum, oder wie?
Gegen die geplante Mission, die den Mond ebenso gründlich kartographieren soll wie den Mars, ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber es wäre dringender denn je, darauf hinzuarbeiten, dass die Erkundung des Weltraums endlich als internationales Gemeinschaftswerk festgeschrieben und auch so betrieben wird.
Der Weltraumvertrag von 1967 hatte bereits ausdrücklich jegliche militärische Nutzung des Weltraums verboten und wollte außerdem verhindern, dass Staaten Besitzansprüche auf Himmelskörper im Sonnensystem anmelden. Er war aus der angespannten Situation des Kalten Krieges hervorgegangen, als sich Sowjets und US-Amerikaner einen Wettlauf zum Mond lieferten. Jetzt müsste der Vertrag erweitert und die Erkundung des Weltraums neu definiert werden: weg von nationalen Alleingängen, die nebenbei auch Geld verschwenden, indem parallele, aber dem Ziel nach mehr oder weniger identische Missionen gestartet werden – hin zu einem globalen Forschungsprojekt.
Beim Klimaschutz setzt sich auch gerade die Erkenntnis durch, dass nationales Gewurschtel das Ziel verfehlen und ein globaler Masterplan gebraucht wird. Denselben Drive wünscht man sich endlich auch für die Raumfahrt. Erst recht angesichts einer sich entwickelnden privaten Raumfahrt, die den Mond nach den „hier unten“ geltenden Regeln kommerzialisieren will.
Dass das so unrealistisch nicht sein kann, zeigen zahlreiche Kooperationen der verschiedenen Raumfahrtnationen in den vergangenen Jahren. Die in Deutschland entwickelte HRSC-Kamera, die an Bord der US-Sonde Mars Express atemberaubende Aufnahmen vom Roten Planeten machte, ist ein Beispiel dafür. Warum also „deutsche Technik“ jetzt auf eigene Faust ins All schießen?
Nichts gegen die Fähigkeiten der deutschen Raumfahrtbranche – aber das Vorhaben ist ein anachronistischer Unfug. Angela Merkel als amtierende EU-Ratspräsidentin sollte sich dafür einsetzen, dass zumindest die europäische Raumfahrtpolitik das Zeitalter nationaler Eitelkeiten hinter sich lässt. (wst)