Umwelt macht dick

Schweres Übergewicht könnte die Folge einer Vergiftung mit Chemikalien sein.

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Von
  • Hanno Charisius

Endokriner Disruptor – klingt das nicht grausam? Ist es auch. Zwar keine tödliche Waffe aus einem Sciencefiction-Film, aber trotzdem verhängnisvoll, besagt zumindest eine Theorie. Als endokrine Disruptoren werden solche Substanzen bezeichnet, die im Körper wie Hormone wirken können. Sie stören den Hormonhaushalt, das endokrine System. Eine wachsende Zahl von Forschern glaubt, dass eben diese hormonähnlichen Chemikalien zusammen mit diversen anderen Faktoren verantwortlich sind für die zunehmende Zahl von übergewichtigen Menschen in den Industrienationen.

Seit die chemische Industrie ihre Produktion in den 60er-Jahren massiv gesteigert hat, wächst auch der Anteil der übergewichtigen Menschen in der Weltbevölkerung, und zwar so rasant, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits von einem weltweiten Problem spricht. Das kann ein Zufall sein, aber die Verfechter der Disruptor-Theorie haben noch mehr solch augenfälliger Korrelationen zu bieten.

Der Neurobiologe Frederick vom Saal von der University of Missouri hält die Substanz Bisphenol A, kurz BPA, für den Hauptschuldigen der globalen Fettleibigkeitswelle. Der robuste und vielseitige Kunststoff Polykarbonat besteht aus unzähligen, zu langen Ketten verknüpften BPA-Molekülen. CDs, DVDs, Autoteile und Hausabdeckungen werden daraus genauso gefertigt wie Lebensmittelverpackungen, Brillengläser, Mikrowellengeschirr oder Babyfläschchen. Beim Erwärmen oder durch Kontakt mit Saurem können sich einzelne BPA-Moleküle herauslösen und in Lebensmittel oder in die Umwelt gelangen. Im Organismus wirkt BPA ähnlich wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. Das ist bekannt. Nur wie schädlich seine Wirkung für den Menschen ist und wie viel er davon verträgt, ohne Schaden zu nehmen, darüber streiten die Experten, erst unlängst hat die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA die Menge BPA, die der Mensch täglich schlucken darf, auf das Fünffache heraufgesetzt.

Vom Saal und seine Kollegen berichten jedoch von schlüssigen Hinweisen darauf, dass BPA bereits in kleinen Dosen die Gewichtszunahme fördert. Japanische Frauen mit hohen Bisphenolkonzentrationen im Blut sind gemäß einer Studie im Schnitt schwerer als Frauen mit niedrigen Werten. Kinder von stark BPA-belasteten Frauen werden laut vom Saal dicker als die von unbelasteten. Wenn man Mäuse mit BPA füttert, legen sie mächtig an Gewicht zu. BPA, so glauben vom Saal und eine Reihe anderer Wissenschaftler, kann als hormonähnliche Substanz den Stoffwechsel eines Menschen und insbesondere eines Ungeborenen oder eines Säuglings neu programmieren.

Schon vor fünf Jahren haben Wissenschaftler auf einen möglichen Zusammenhang zwischen chemischen Produkten in der Umwelt und dem wachsenden Übergewichtsproblem hingewiesen. Im Jahr 2003 listete der Toxikologe Jerrold Heindel vom National Institute of Environmental Health Sciences im Fachblatt Toxicological Sciences eine Reihe von endokrinen Disruptoren auf, unter ihnen auch BPA, die er und Kollegen in Zusammenhang mit anschwellender Leibesfülle bringen wollten. Im vergangenen Jahr fassten Felix Grün und Bruce Blumberg von der University of California in Irvine in einem Aufsatz (Endocrinology, Bd. 147, Supplement S. 50) verschiedenen Mechanismen zusammen, über die endokrine Disruptoren und weitere "obsogene" Substanzen in der Umwelt den Fettstoffwechsel den Menschen beeinflussen können. Sie vermuten, dass die hormonähnlichen Chemikalien Einfluss auf die Genaktivität nehmen.

Weitere Faktoren für das anwachsende Übergewicht in der Welt zählte ein Autorenteam um den Ernährungswissenschaftler David Allison von der University of Alabama im Sommer 2006 im Journal of Obesity auf (engl. Fachartikel im pdf-Format). Dazu zählen unter anderem schlechte Schlafgewohnheiten, Stress, zuviel Fernsehen, Medikamentenkonsum, weniger Zigarettenrauchen, ältere Eltern, eine allgemein wärmere Umgebungstemperatur durch Zentralheizungen, frühere Fruchtbarkeit von übergewichtigen Menschen und damit ein zeitlicher Fortpflanzungsvorsprung für solche Gene, die das Dickwerden begünstigen. Für zehn verschiedenen Faktoren nennt das Autorenteam gute Argumente, warum sie zum Anschwellen des Speckgürtels beitragen könnten. Sie weisen auf mögliche Zusammenhänge hin, zeigen Korrelationen auf. Beweise sind das nicht, aber schlüssige Folgerungen.

Wenn all diese Wissenschaftler Recht haben, dann hat die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen auf der Welt nicht allein etwas mit persönlichem Fehlverhalten der Betroffenen zu tun, sondern ist vielmehr eine zivilisatorische Vergiftungserscheinung. Natürlich machen nicht Chemikalien oder Stress oder eine entsprechende genetische Prädisposition von alleine dick. Der Speckgürtel wächst nur, wenn er überreichlich gefüttert und zuwenig bewegt wird. (wst)