Krieg der Klingen

Wer den Kapitalismus verstehen will, muss sich bloß mal nass rasieren.

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Von
  • Matthias Urbach

„Erleben sie Gillette-Fusion. Mit fünf Klingen auf der Vorderseite; auf der Rückseite der revolutionäre Präzisionstrimmer für das Rasieren unter der Nase und das Stylen der Koteletten und Bartkonturen. Die beste Rasur von Gillette: manuell oder batteriebetrieben. Gillette Fusion".

Lange hat mich nichts mehr so verblüfft, wie dieser fünfzehnsekündige Werbespot nach meiner Lieblingsserie. Das letzte Mal hatte ich mich mit Rasierern befasst, als ich feststellen musste, dass es von Wilkinson keine Klingen mehr für meinen Nassrasierer mit flexibler Doppelklinge gab. Notgedrungen stieg ich auf die flexible Dreifachklinge um, kaufte gleich ein paar mehr Klingen auf Vorrat und fragte mich, wo das noch hinführen mochte. Nun sind es beim Konkurrenten Gillette also bereits sechs Klingen – und Batteriebetrieb. (Wilkinson klebt noch bei vieren.)

Ich habe nichts gegen Innovationen. Ein Doppelklingenrasierer ist definitiv besser als ein einfacher. Die flexiblen Klingen reduzierten deutlich meine Schnittwunden. Langsam aber wird die Sache, so scheint es mir, zum Selbstzweck. Wie viel Klingen braucht der Mann? Warum muss man auch noch Batterien leer machen? Erlauben die „Mikrovibrationen" wirklich eine „besonders schonende" Rasur?

Vielleicht ist das nur eine Frage der Gewöhnung. Dann käme es nur darauf an, wann man in diesen Zirkus eingestiegen ist. Wer mit Dreierklingen groß geworden ist, mag bei Nummer vier und fünf noch ehrlich begeistert sein. Ich bin mit der Doppelklinge aufgewachsen. („Die erste hebt das Barthaar, damit es mit der zweiten tiefer abgeschnitten werden kann." Diese Werbung hat sich in mein Hirn gebrannt.) Manchem Rasiermesser-Routinier dagegen dürfte die zweite Klinge schon albern erschienen sein.

Stanislaw Lem karikierte schon Ende der Fünfziger in seiner „Waschmaschinen-Tragödie" (aus den „Sterntagebüchern") diese Innovationsspirale. In seiner Geschichte konkurrieren die Hersteller „Nuddlegg" und „Snodgrass" um die Marktführerschaft über die weiße Ware. Was mit monogrammstickenden Vollwaschautomaten noch recht harmlos beginnt, führt irgendwann zu Waschmaschinendesigns nach dem Vorbild erotischer Schauspielerinnen, die gerade noch ein Dutzend Taschentücher waschen können. Als sich erstmals bis an den Deckel bewaffnete Maschinen Straßenkämpfe liefern, gerät die Sache außer Kontrolle. Am Ende nimmt der Erzähler auf einem Anwaltskongress zu den rechtlichen Problemen teil. Als alle Anwesenden abgeklopft sind, muss er feststellen, dass er der einzige Humanoide unter Waschvollautomaten ist – und geht nach Hause.

Noch hält sich die Erotik der Nassrasierer in Grenzen. Trotzdem sollte man meinen, dass es wesentlichere Probleme gibt, die auf den Hirnschmalz von Ingenieuren warten, als ein batteriebetriebener Sechsklingennassrasierer. Sechs Klingen! Muss man fürs Rasieren eigentlich so viele Ressourcen verschwenden? Angesichts der Debatte über unseren Lebensstil und den Treibhauseffekt muten mir bereits drei Klingen übertrieben an. Einer der vielen kleinen dämlichen Beiträge zur Erhöhung des Treibhauseffekts – und zur Minderung unseres verfügbaren Einkommens.

Andererseits bin ich neugierig, wie Wilkinson den Gillette Fusion noch toppen will ... (wst)