Das Tao des Funklochs
Angeblich leben wir im Kommunikationszeitalter. Im Schatten all des Geschwafels aber blühen die tiefe Stille und die Schönheit des Nichts.
- Peter Glaser
Kommunikation scheint im Kommunikationszeitalter nicht zu den erstrebendwertesten Gütern zu gehören. So beschränkt sich nach Erkenntnissen britischer Forscher beispielsweise der Signalaustausch im englischen Familienkreis mittlerweile überwiegend auf kurze Zurufe, Brumm- und Grunzgeräusche. Zu den Hauptursachen gehöre, dass Großbritannien die längsten Arbeitszeiten in der EU hat, außerdem laufe dauernd der Fernseher.
Die destillierten Formen des Verstummens, das Schweigen und die Stille, sind regelrecht gesucht. Ein Team der Event-Agentur "Matterhorn Experience" aus Zermatt baute kürzlich auf 2300 Meter Höhe ein temporäres Luxusrestaurant für 180 Mitarbeiter eines Pharmakonzerns auf. Neben der Sterneküche genießen die Kunden besonders das stille Dasein im Funkloch. Es gibt dort oben keinen Mobiltelefonempfang. Anfangs sind noch manche nervös und suchen nach einem Netz; nach einer Weile schalten sie ab.
Auch für Elektrosensible sind Leben und Erholung im strahlungsarmen Raum erfreulich. Wann es Touristenkarten mit den letzten, exklusiven Funklöchern auf dem Globus geben wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Ebenso, wann das Funkloch unter Naturschutz gestellt wird.
Das Internet erzählt uns noch radikalere Geschichten von der Stille. Im September 2000 nahm sich der 18jährige Amerikaner Brett Banfe vor, ein Jahr lang zu schweigen. Eine im Zeitalter von Talkshows und Informationsüberflutung vorbildliche Initiative, wie es schien. Brett schwieg online. Er hatte eine eigene Website (notspeaking.com, mit Chat!) und eine nette blonde Freundin namens Andrea, die sich von dem ernsthaften jungen Mann angesprochen gefühlt hatte, obwohl er nichtssagend war. Im übrigen kommunizierte Banfe sehr wohl. Um Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln, hatte er sich bereit erklärt, einen Pager von Motorola zu benutzen. Die Firma stellte ihm eine Handvoll der Geräte für seine Freunde, Mitschüler und Familienmitglieder zur Verfügung und überreichte ihm einen 20.000-Dollar-Scheck. Sein Schweigen endete gerade rechtzeitig. Die ersten Worte nach einem Jahr sprach Banfe im “Planet Hollywood”-Restaurant am New Yorker Times Square - am 10. September 2001. Im Taxi auf dem Weg zu CNN gab er ein Telefoninterview nach dem anderen, und inzwischen ist er einer weiteren Kommunikationsform zugetan: dem drahtlosen Funk. In seinen Augen handelt es sich dabei um eine Schweigetechnologie: “Information wird dabei durch Stille hindurch übertragen.”
Das Skandalöseste, das sich heute in den Medien ereignen kann, ist unkontrollierbares Schweigen. Eine unbeabsichtigte Pause, die nicht sofort züchtig mit News, Bildern, Jingles bedeckt werden kann. Immer noch legendär ist das Live-Interview mit dem 2004 verstorbenen Boxer Norbert Grupe alias Prinz von Homburg am 20. Juni 1969 im ZDF-Sportstudio. Nach seiner K.O.-Niederlage gegen Oscar Bonavena beantwortet Grupe jede der sechs Fragen von Moderator Rainer Günzler mit Schweigen.
Kommunikationstechnik verwandelt unsrere Weltanschauung aus einer westlichen in eine östliche. Zwischen der europäischen und der asiatischen Weise, die Welt zu sehen, gibt es einige grundlegende Unterschiede. So hat beispielsweise in der europäischen Betrachtungsweise von Kultur das, was in den leeren Raum gestellt wird – ein Kunstwerk, ein nützliches Objekt, was auch immer – einen höheren Wert als der leere Raum. In Japan ist es umgekehrt. Es gibt eine Ästhetik der Leere, eine Schönheit des Nichts. Der bloße Raum ist vollkommen. Die Dinge, die ihn bevölkern, so virtuos und wundervoll sie auch sein mögen, mindern diese Vollkommenheit.
Im Internet gibt es eine Seite mit dem Titel “Diese Seite ist absichtlich freigelassen”, auf der dazu aufgerufen wird, weitere solcher Seiten einzurichten und auf die auch der englischsprachige Wikipedia-Artikel über freigelassene Seiten verweist. Eine lange Mitgliederliste zeigt, dass der Versucht großen Anklang gefunden hat, auch im Netz eine Tradition fortleben zu lassen, die in Büchern ihre erste Blüte gefunden hatte – weiße Blätter, “Raum für eigene Eintragungen”, wie es manchmal auch hieß. Und obwohl auf den freigelassenen Webseiten nichts notiert werden kann, bieten die freien Seiten dem ruhelosen Geist des Internet-Wanderers im lauten, hyperfitzeligen Web einen Ort der Stille und Einkehr. (wst)