Maschinen gegen die Nacht

Die Maschine und ich: Ein Traum, der Arbeit heiĂźt. Eine kleine Reise ins Bildschirmleuchten.

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Von
  • Peter Glaser

Wer schläft, weiß nicht, wie schön es ist, wach zu träumen. Nicht zu schlafen ist die einzige Droge, die meiner Arbeit nützt, dem Schreiben. Die Sache hat natürlich einen Preis. Ich brauche Tage, um mich von einer durchwachten Nacht zu erholen. Aber ich bin einfach zu gern wach. Ich warte, bis ich müde bin und kämpfe gegen die Müdigkeit. Für diesen anstrengender Kampf muß ich Energien freilegen, die einem gewöhnlich nicht zur Verfügung stehen, ein Teil davon kommt der Arbeit zugute. In den ersten Stunden versucht die Müdigkeit, mich zu betäuben. Nach einer Weile schläft sie ein, aber ohne mich. Ist dieser Punkt erreicht, fühle ich mich wie destilliert und zugleich leicht wie Balsaholz. Dann stellt sich, wenn es wirklich gut läuft, der zentrale Zustand ein – eine traumwandlerische Sicherheit. Es läuft nicht immer gut, aber wenn, dann kann ich die symphonischen Geschwindigkeiten des Träumens, die jede Vernunft überschreiten, ins Wachsein herüberholen.

Die Nacht nickt mir zu. Ich setze mich an das Fenster zum Hof und horche auf den Regen in den Obstbäumen, ein feines Sieden, und auf den Regen im Gras, ein leiseres Geräusch. Später horche ich an der Straße auf den Regen auf dem Asphalt, es zischt sacht. Jetzt sind hier nur noch die Nacht und ich. Ich fühle Millionen von Menschen um mich herum schlafen. Die Wirklichkeit hat ihre Blätter eingerollt, die Phantasie phosphoresziert; ihr gegenüber leuchtet der Bildschirm meines Computers.

Ich bin der schweigende Mann auf dem Leuchtturm, der sitzt neben der großen Brennschale, die dreht sich, und der Mann wacht. Ich verliere den Schlaf, wie eine leere Brieftasche. Ein Sturm drückt Regen gegen das Fenster. Ich rieche an einer Telefonrechnung, was soll man auch tun. Musik. Sie macht aus dem Zimmer einen Raum groß wie ein Stadion. Eine blaue Diode leuchtet. Der elektrische Strom treibt die Maschinen gegen die Nacht. Schon vor 300.000 Jahren konnten die Menschen sehen, was sich uns heute durch einen Blick aus einem Flugzeugfenster in die Nacht zeigt. In der Glut des Feuers, in der zu winzigen Straßenschluchten und Blöcken aufgeplatzten Baumrinde verglühenden Feuerholzes und den verwehenden Lichtflügen darin, sah der Mensch der Vorzeit bereits das Erscheinungsbild der großen, nachtleuchtenden Städte des 21. Jahrhunderts.

Früher gab es die Nacht als Fluchtraum, in den die Müdigkeit sich zurückgezogen hat. Sie wurde vom elektrischen Licht verscheucht. Es bildete sich eine neuzeitliche Form der Erschöpfung aus, eine Unruhe; Nervosität. Dies war zugleich die Geburtsstunde des jugendlichen Nachtlebens, das seither irrlichternd über den Planeten flackert. Und während die Jugend nach dem verlorenen Paradies sucht, erzählt das Licht die Geschichte der Welt. (wst)