Die Nähe zum Objekt

Wir sind begeistert von innovativen Technologien, die das Leben vieler Menschen verändern. Doch es kann schöner sein, den kühlen technischen Blick aufzutauen.

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Unser Job ist es, über innovative Technologien zu schreiben – vorzugsweise die, die das Leben vieler Menschen verändern. Es ist einer der schönsten Jobs, den ich mir vorstellen kann, weil ich dafür bezahlt werde, das zu tun, was mir Spaß macht – mich über faszinierende Dinge schlau zu fragen und sie vorzustellen: Geräte, die Kompliziertes einfach machen oder schwere Arbeiten übernehmen, wie man das Klima schützen kann, bessere Krebsbehandlungsmethoden, Erfolge in der Stammzellforschung – die Liste ist endlos. Wir sind immer wieder begeistert vom Erfindungsgeist des Menschen.

Bei aller Begeisterung gibt es aber etwas, das noch schöner sein kann: nicht nur über die Technologie und ihre Entwickler zu berichten, sondern auch über diejenigen, deren Leben durch eine solche Entwicklung grundlegend verändert wurde. Da sind zum Beispiel die Menschen, die an Pilotstudien für Netzhautimplantate teilnehmen, wohlwissend, dass sie nach wenigen Wochen auch dann explantiert werden, wenn die Operation ein Erfolg ist und sie durch die neue Technologie enorm an Lebensqualität gewinnen. Da sind die Menschen, die an klinischen Studien mit neuen Stammzelltherapien teilnehmen, wenn es darum geht, die Sicherheit eines neuen Verfahrens zu belegen.

Da sind die Menschen, die den Mut haben, sich am Hirnstamm operieren zu lassen – einem empfindlichen Bereich, in dem so wichtige Kontrollzentren wie die für Atmung und Herzschlag sitzen. Sie tun dies, um sich ein neuartiges Implantat einsetzen zu lassen, das ihnen vielleicht (!) einen kleinen Teil ihres Hörvermögens wiedergeben wird. Da ist die Mutter zweier Kinder, die durch eine neue Knieprothese das erste Mal normal die Treppe hinuntergehen kann und nicht mehr stufenweise mit einem Bein vorgehen und das andere Bein nachholen muss. Und die sich für ihre Prothese nicht schämt, sondern im Gegenteil kurze Hosen trägt und züngelnde Flammen auf den Prothesenschaft malen lässt.

Da ist der Angestellte im World Trade Center, der mit Hilfe der gleichen Prothese aus dem 70. Stockwerk genauso schnell die Treppen herunter eilen konnte, wie die anderen auf zwei gesunden Beinen, und rechtzeitig vor dem Zusammensturz aus dem Gebäude entkam. Wo immer es (medizin)technischen Fortschritt gibt, gibt es auch Menschen, die buchstäblich durch Körpereinsatz helfen, ihn weiter voranzutreiben: Weil sie bereit sind, die Leistungsfähigkeit und Sicherheit neuer Ideen an sich testen zu lassen; oder weil sie, wenn beides schon bewiesen ist, durch ihren Mut anderen zeigen, dass es sicht lohnt, die Angst vor Veränderung (Eine neue Prothese mag noch so gut sein, sie auszuprobieren, bedeutet, die unbequeme aber gewohnte Haltung aufzugeben.) oder einer riskanten Operation zu überwinden. Und weil ihr Beispiel im Idealfall zeigen kann, dass eine Entwicklung sehr viel leistungsfähiger ist, als anfangs gedacht.

All diesen Menschen gilt meine Bewunderung – genauso sehr wie den Entwicklern. Oft genug heften wir nach einem fertigen Artikel, in dem es wieder „nur“ kurz und knackig um die Technologie selbst ging, eine Menge recherchiertes Material mit Bedauern ab. Es ist jedes Mal schön, wenn man das nicht tun muss, sondern den Mut der Menschen zeigen kann. Das haben sie mehr als verdient. (wst)