„Dann muss ich Sie töten“

„Zu unpersönlich. Er habe nichts über mich erfahren!“ schrieb mir ein Leser nach meinem letzten Blog-Eintrag. Ist eine "lebensbedrohliche" Situation persönlich genug oder reichen auch Beobachtungen von der laufenden CeBIT?

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Von
  • Gordon Bolduan

„Zu unpersönlich. Er habe nichts über mich erfahren!“ schrieb mir ein Leser nach meinem letzten Blog-Eintrag. Darin hatte ich eine Lanze für das journalistische Handwerk gebrochen, auf eine für mein Empfinden doch recht emotionale Art. Im nachfolgenden E-Mail-Wechsel stellte er klar, dass er meinen persönlichen Hintergrund bräuchte, um den Wert meiner Meinung zu prüfen. Vielen Dank für diese Horizont-Erweiterung. Ich hatte übersehen, dass wir nicht mehr in Zeiten leben, in denen eine Legende wie Karl Kraus in seiner Zeitschrift Die Fackel den Phrasendreschern zusetzt. Im Web schreibt jeder, und daher kann es nur vernünftig sein, genauer auf den Autor zu schauen.

Der soziale Kontext ist jedoch nicht nur im Web wichtig, er entscheidet auch im Dunstkreis der internationalen Computermesse CeBIT über Sein oder Nicht-Sein. Dabei huldigt man gerade dort auf eine sehr unpersönliche Art gegenwärtiger Hochtechnologie: Händler empfangen mit zum Lächeln versteinerten Gesichtern, Hostessen tragen – wenn ihr Aussehen für die Aufmerksamkeit nicht ausreicht – eng geschnittene Hosenanzüge, die über dem Schritt mit dem Schriftzug „Klick mich“ überraschen.

Bis zum vergangen Sonntag haben rund 200.000 Menschen die Messe besucht. Am Sonntagnachmittag befand auch ich mich im Pilgerstrom der Hightech-Jünger, die sich vor den Produkt-Tempeln in Sammler verwandelten: Männer schlugen sich förmlich um die blauen Anti-Stress-Männchen eines japanischen Konzerns. Im aufgeblasenen Zustand waren diese nur wenige Zentimeter kleiner als die Kampfhähne. Dies hinderte letztere nicht dran, sie auf den Rücken geschnallt durch die Menschenmenge zu transportieren. Andere Besucher übten sich in der Disziplin, ihre Messetaschen wie Matroschkas zu organisieren. Die äußerste Tasche konnte Ausmaße von bis zu einem Meter besitzen.

Meine Wenigkeit, dem Tage entsprechend in Turnschuhe und Jeans-Kluft gehüllt, geriet an einen Jäger. In Halle Sieben war mir ein Stand aufgefallen, der mit der Verschlüsselung von Festplatten warb. In Zeiten von Bundestrojanern und Online-Durchsuchungen sicherlich ein Marktsegment, das Aufmerksamkeit verdient. Ich zeigte mein Interesse und kam ins Gespräch mit einem Mitarbeiter, der sich „Vertriebler“ nannte. Als ich fragte, wie man die notwendigen Schlüssel aufbewahre, bot er mir das Gespräch mit einem Programmierer an – nicht ohne mich vorher mit nach meinem Hintergrund zu fragen. „Ich interessiere mich für Security“ ließ seinen skeptischen Gesichtsausdruck nicht verschwinden. Dennoch stellte er mir einen Entwickler vor. Ich stellte meine Frage erneut – diesmal etwas konkreter. Die Augen des Mitarbeiters wuchsen, er rief einen zweiten Entwickler. Dieser machte kurzen Prozess: „Unser Produkt ist nach BEEP zertifiziert.“ Das BEEP dauerte mehrere Sekunden und bestand aus einem Strom von Buchstaben und Zahlen. „Mehr erzähle ich ihnen nur, wenn sie uns mindestens 100 Lizenzen abgenommen haben. Ansonsten muss ich Sie aufgrund ihres Wissens töten!“ Seine Augen blitzen, das Lächeln war förmlich. Ich drehte mich um. So wertvoll war mir diese Produkt-Information dann doch nicht. Hätte er anders geantwortet, wenn ich Anzug getragen, die Visitenkarte überreicht hätte? Ich bin neugierig. Haben Sie Ähnliches erlebt? Als Aussteller? Als Besucher? Was sind ihre Anekdoten zum Messe-Wahnsinn?

Erstaunlich war darüber hinaus, dass trotz meiner Freizeitkleidung gerade die Mitarbeiter des Bundesministeriums für Informationssicherheit an ihrem Stand wesentlich auskunftsfreudiger waren. Dabei sind doch gerade die für ihre strikte Informationspolitik bekannt. (wst)