Handies und die Ewigkeit
An einem Ritus, der so alt ist wie die Menschheit, das Begräbnis von Gefährten, wird gelegentlich deutlich, mit welchem Druck der Fortschritt in alle Kapillaren der Zivilisation dringt – bis an die letzten Dinge.
- Peter Glaser
“O tempo’a, o mo’es”, ruft in “Asterix auf Korsika” der schwarze Pirat Baba aus, der vom Ausguck des Piratenschiffs aus heransegelnde potentielle Beute oder Bedrängnisse zu vermelden pflegt (“’öme’, ’öme’, das ganze Mee’ ist volle’ ’öme’!”) – O Zeiten, o Sitten heißt es im Original bei Marcus Tullius Cicero. Und wahrlich, die Zeiten ändern sich, mit ihnen die Sitten. Das tun sie allerdings seit unvordenklichen Zeiten.
Und manche soziale Figur bleibt über Jahrtausende erstaunlich beharrlich. So ist etwa aus assyrischen Keilschrift-Aufzeichnungen die Klage eines Vaters über die verdorbene Jugend auf uns gekommen. Dem gegenüber haben wir heute etwas wie eine Selbstverpflichtung der Gesellschaft zu fortwährender Veränderung, Reformfähigkeit, Selbsttransformation, zu lebenslangem Lernen und der Deregulierung und Öffnung der verschiedensten Bereiche, zusammengefasst unter dem Begriff Fortschritt.
Viele der Veränderungen oder Veränderungsversuche gehen fast unmerklich vonstatten, manche bleiben abstrakt. Wo es aber um einen Ritus geht, der so alt ist wie die Menschheit, das Begräbnis von Gefährten, wird gelegentlich deutlich, mit welchem Druck der Fortschritt in alle Kapillaren der Zivilisation dringt – bis an die letzten Dinge.
Reuters meldet eine neue Obsession der Videohandy-versessenen Japaner. Bei Beisetzungen versammelt sich die Trauergemeinde nun um den Verstorbenen, um letzte Fotos von ihm zu schießen. Eine Bestattungsunternehmerin vermittelt den Eindruck, “dass die Menschen die Toten nicht länger respektieren. Es ist verstörend.” Was für die einen eine Antastung der Würde ist, ist für die anderen eine moderne Form des Gedenkens. “Manche können die Realität erst fassen, wenn sie ein Foto gemacht haben und es sich gemeinsam mit anderen ansehen”, sagt der Sozialwissenschaftler Toru Takeda.
Dass auch hierzulande Popmusik bei der Verabschiedung gespielt wird, ist inzwischen Mainstream. Aber die Klangwünsche stoßen weiter vor ins Ungewöhnliche. Bei einem Begräbnis in England wurde für den Hingegangenen die Crazy Frog-Klingeltonmelodie gespielt. Eine andere Familie wünschte das Glockenspiel, mit dem die ITN-Nachrichten beginnen. Auch Eisenbahngeräusche wurden bereits gespielt.
In den Niederlanden, wo sich eine andere Begräbniskultur als in Deutschland entwickelt hat, werden von verschiedenen Radiosendern regelmäßig (und mit Erfolg) Begräbnis-Charts gesendet.
Aber auch, was wir mit klassisch mit Andacht und einer würdevollen Feuer assoziieren, ist inzwischen in Hightech-Version zu haben. Der US-amerikanische Konzeptkünstler Jonathon Keats hat den ersten lautlosen Klingelton der Welt geschaffen. Es handelt sich bei dem Stück um eine Bootleg-Fassung des berühmten Klavierstücks 4’33” von John Cage, das 1952 uraufgeführt wurde und darin besteht, dass der Pianist 4 Minuten 33 Sekunden bewegungslos vor seinem Klavier sitzt (und jedes Hüsteln und Parkettknistern zum Klangereignis wird). Cage, sagt Keats, sei in seinen technologischen Möglichkeiten beschränkt gewesen – seine Stille war nicht perfekt, weil sie nicht digital war und auch nicht als frei verfügbare Sounddatei verteilt werden konnte. Das Stück von Jonathon Keats heißt “My Cage”. John Cage starb am 12. August 1992. (wst)