Fataler Fanatismus 2.0
Besonders offen fĂĽr neue Technologien zu sein, kann sehr aufregend und spannend sein. Bei webbasierten Anwendung kann jedoch die Freude am Neuen schnell in Frust umschlagen, ganz besonders, wenn die eigenen Daten in Gefahr sind. Eine wahre Geschichte.
- Gordon Bolduan
"Du weißt, was du zu tun hast? Artikel? Abgabefristen? Bildunterzeilen? Quellenangaben?", fragt unser Chef vom Dienst (CvD). Seine Stimme klingt etwas eindringlicher als sonst. Das wird sie immer, wenn der Redaktionsschluss naht – der ultimative, unausweichliche, mit Strafgeldern belastete. Wäre mein Leben ein Comic, so hätte der CvD noch während seiner Frage die Antwort sehen können: Eine große Gedankenblase mit dem fett geschrieben "Web 2.0" und noch dickerem Ausrufezeichen dahinter.
Solche Internetangebote faszinieren mich. Neugierig begebe ich mich auf die Click-und-Tag-Reise, durchstöbere, was tausende Anwender zuvor bereit stellten, berührten und begutachteten.
Dabei rechne ich mich nicht zur neuen Spezies des Netzbewohners, bin weder Diskussionsleiter in Xing noch lonelyguy11 auf Youtube.com. Lonelygirl15 hat mir dennoch gefallen, aber nicht nur deswegen verteidige ich Youtube & Co. gegen die Brandreden von Freunden und Redakteuren. Warum soll ich minutenlang auf der Jagd nach etwas Anschaubaren die Fernbedienung malträtieren? Auf den Video-Plattformen hat die "kollektive Intelligenz" die besten Videoschnipsel schon herausgefiltert. Zu kurz? Kein Niveau? Meine Zeit ist knapp, meine Aufmerksamkeit noch knapper. Wenn beides vorhanden ist, gehe ich in ein Programmkino
Soviel zum Ausrufezeichen, zurück zu der Gedankenblase: Ich gehe noch eine Schritt weiter, denn ich gebrauche das Web 2.0 an meinem Arbeitsplatz. Nein, ich meine nicht "Wikipedia weiß alles!", meine Killer-Applikation heißt Voo2do . Müsste ich einen Comic zu Web 2.0 zeichnen, so wäre voo2do der Superheld, der im gelben Anzug, mit roten Häkchen drauf, die überarbeiteten Menschen an ihre Aufgaben erinnert. voo2do ist eine webbasierte Anwendung für das Anlegen und Führen von to-do-Listen.
Ja, sie dürfen grinsen, auch meine Kollegen belächeln mich, meine Freundin lacht sogar schallend. Ich stehe dazu: Ich liebe es jede Aufgabe einzutragen, für sie Kontexte, Prioritäten, Fristen zu definieren und sie mit einer Kette von kleinen Notizen nach und nach anzureichern. Ich trage nicht nur Aufgaben ein, sondern auch Kontakte, Ideen für neue Geschichten, lasse mich sogar auf Termine aufmerksam machen
"Voo2do!" feuern meine Synapsen, während der CvD fragt. Ich antworte seelenruhig und schlicht mit einem "Ja!" Doch die Sicherheit sollte nicht lange andauern, genau genommen hielt sie nur einen Mausklick lang. Voo2do war nicht erreichbar. Als hätte es die Seite nie gegeben, war sie verschwunden im Cyberspace, mit samt meiner potenziell hochkarätigen Ideen-Sammlung. Die Zu-Erledigen blieben dagegen leider real. Die Ungewissheit dauerte genau vier Tage, eine Ewigkeit im Journalistenleben. Danach existierte ein neuer Anti-Held in meiner Welt: Shimon Rura, Entwickler und Betreiber dieses Webdienstes seit August 2005. "Festplatten-Ausfall" musste ich lesen, wo ich früher meine Ideen pflegte. Der Überbringer einer solchen Botschaft kennt keine Sympathie, die Symbole der Comic-Parallelwelt muss ich daher nicht nennen. 24 Stunden später war vo2doo wieder online, meine Daten auch. Seither habe ich nichts mehr eingetragen.
"Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor." Nein, ich bin kein Faust 2.0. Ich stelle nun die Gretchen-Fragen "Service Level Agreement? Automatisches Backup?" und überlege, die gewünschte Funktionalität auf dem eigenen Server bereitzustellen. Bis es soweit ist, arbeite ich redundant und sichere das wichtigste auf meinem 14 mal 11 cm großen, rund 100 Gramm schweren Helfer, dessen "Backbone" aus 23 Ringen besteht: Student-Block A6. (wst)