Gefrorenes Glück

Eine neue Methode, Eizellen schadlos einzufrieren, könnte die Art revolutionieren, wie wir über künstliche Befruchtung denken.

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Von
  • Matthias Urbach

Es mag eine Zeit kommen, nicht all zu fern, da locken als Vergünstigung für Führungskräfte nicht mehr nur Limousinen, eine Assistentin oder Aktienoptionen. Vielleicht sind es dann Plätze in einem Tiefkühlfach die manch begabte Frau auf einen Managerposten lockt. Eisfächer in einer Fruchtbarkeitsklinik.

Eine Metastudie von Forschern des Center for Reproductive Medicine and Infertility in New York legt nahe, dass es tatsächlich möglich ist, Eizellen über viele Jahre einzufrieren. Demnach sind künstliche Befruchtungen mit Eizellen, die nach der Vitrification-Methode superschnell eingefroren wurden, sogar ähnlich vielversprechend, wie mit frisch entnommenen Eizellen. Ein entscheidender Schlag gegen die biologische Uhr der Frau.

Während die aktuelle familienpolitische Debatte um die Frage kreist, wie eine Frau den Nachwuchs los wird, wenn sie zur Arbeit will, bleibt die Frage unbeachtet, warum so wenig Kinder zur Welt kommen. Das liegt nicht nur an den Schwierigkeiten des Großziehens. Gerade Frauen, die sich nach der Ausbildung zunächst auf die Karriere konzentrieren, stehen dann Mitte Dreißig zuweilen vor dem Problem, nicht nur den richtigen Mann zu finden, sondern auch zur rechten Zeit.

Denn spätestens Anfang vierzig schwindet nicht nur die Aussicht, noch schwanger zu werden – auch die Rate der Fehlgeburten steigt rasant an. Zwar leidet auch die Zeugungsfähigkeit des Mannes im Alter – aber nicht im annähernd gleichem Ausmaß. Am Ende bleibt immer die Option, eine jüngere Frau zu finden.

Bislang gilt künstliche Befruchtung in der Petrischale (IVF) vor allem als Ausweg für zeugungsunfähige Paare. Die IVF ist damit praktisch ein Medikament. Nur so konnte sich dieser Zweig der Medizin gegen alle moralischen Bedenken durchsetzen. Die Erprobung des Einfrierens von Eizellen hatte einen ähnlichen Auslöser: Es ging darum Frauen eine Perspektive zu bieten, die an Krebs leiden, der ihre Fruchtbarkeit gefährdet. (Ähnliches gilt für das – erhebliche unaufwendigere – Einfrieren von Sperma.)

Immer häufiger lassen sich Frauen aus nichtmedizinischen Gründen künstlich befruchten, etwa um das Geschlecht des Kindes zu wählen, oder vererbbare Krankheiten auszuschließen. Das Einfrieren aber könnte erstmals in großem Stil die künstliche Befruchtung aus rein kulturellen Erwägungen zum Mittel der Wahl machen: Ohne das Stigma, nach dem Designerbaby zu streben. Zwar setzt die körperliche Fitness irgendwann eine natürliche Grenze für eine Geburt auch mit konservierten Eizellen. Doch liegt diese Schwelle noch einmal gut zehn Jahre später. Das ist deutlich mehr als eine Gnadenfrist.

Bislang kostet das Einfrieren um die zehntausend Euro. Die künstliche Befruchtung schlägt pro Versuch mit noch mal mehreren tausend Euro zu Buche. Und zur Gewinnung reifer Eizellen ist eine sehr unangenehme Hormonbehandlung nötig, die in 6 von 100.000 Fällen gar zum Tode führt. Doch die Behandlung dürfte mit der Zeit günstiger werden. Und zur Hormonbehandlung gibt es inzwischen eine vielversprechende Alternative, nämlich das Entnehmen unreifer Eizellen, die erst im Labor zur Reife gebracht werden – die In-vitro-Maturation (IVM).

Als 1978 Louise Brown, der erste künstliche Befruchtete Mensch zu Welt kam, hätte wohl niemand geglaubt, dass 30 Jahre später schon alljährlich hunderttausende Kinder auf diese Weise zur Welt kommen – in Dänemark gar eines von 25.

Noch gibt es viele offene Fragen, auch nach möglichen Folgeschäden für die Kinder aus eingefrorenen Eizellen. Aber solche gab es auch vor Browns Geburt vor rund dreißig Jahren. Reproduktionsmediziner schätzen, dass weltweit schon einige Tausend Frauen ihre Eizellen als Versicherung haben einfrieren lassen. Wir sollten sie nicht vorschnell verurteilen.

Das gefrorene Glück könnte schon bald zu einer ganz normalen Option unserer Lebensplanung werden – ein weiteres Werkzeug zur Versöhnung von Kind und Karriere. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir in dreißig Jahren ähnlich über das Einfrieren und das Kinderkriegen reden, wie heute über die Antibaby-Pille und das Kinderverhüten. (wst)