When I’m 86
Mein 86-jähriger Großvater geht demnächst unter die Skype-Nutzer. Werde ich im Alter mit neuen Technologien auch so experimentierfreudig sein?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Mein Großvater in Ungarn, 86 Jahre alt ist, hat sich kürzlich überreden lassen, unter die Voice-over IP- und Webcam-Nutzer zu gehen und sich dafür einen DSL-Zugang legen zu lassen. Die Familie, die über halb Europa verstreut und bereits skypifiziert ist, freut sich schon darauf, ihn auf diese Weise öfter zu sehen. Ich hätte nie gedacht dass er „ja“ sagt, obwohl er modernen Technologien gegenüber durchaus aufgeschlossen ist. Aber mit 86 könnte er auch sagen, ich benutze nur noch, woran ich schon gewöhnt bin.
Er hat schon länger ein Handy und seinen ersten PC legte er sich bereits vor etwa zehn Jahren zu. Seither hat er ihn und die Folgerechner regelmäßig nachgerüstet – zeitweilig hatte er modernere PCs als ich – und sich schränkeweise Bücher über Betriebssysteme und Software gekauft. Das alles dient dem Ziel, ein lang gehegtes Projekt fertig zu stellen – ein mehrsprachiges medizinisches Wörterbuch. Wahrlich ein Vorbild für einen aktiven und erfüllten Lebensabend, in dem lebenslanges (Technologie-) Lernen gelebt wird.
Jetzt also Skype. Damit der PC mit dem Wörterbuch-Projekt gar nicht erst in die Nähe von Computerviren gelangt, wurde der kürzlich erstandene Laptop zur ausschließlichen VoIP-Station erklärt und auf das Telefonschränkchen neben das Festnetz-Telefon gestellt. „Dann habe ich direkt ein Medien-Center“, lachte mein Großvater. Sein Verhältnis zu den modernen Geräten ist zwar nicht immer wolkenlos, aber für seine Zwecke hat er alles eingerichtet. Solange jemand aus der Familie die von Zeit zu Zeit auftretenden Probleme beheben kann, ist er mit Begeisterung dabei.
Noch hat die Generalprobe mit dem Laptop nicht stattgefunden, und noch kann es sein, dass er doch beim guten alten 12-Tasten-Telefon bleibt. Aber er hat mir Stoff zum Nachdenken gegeben. Ich frage ich mich, ob ich mich mit 86 auch auf eine völlig neue Technologie einlassen werde – auch wenn ich zu der Generation gehöre, die mit Computern groß geworden ist. Was wird überhaupt in mehr als 50 Jahren die angesagte Kommunikationsform sein, um mit Kindern, Enkeln und Freunden in Kontakt zu bleiben?
Wenn ich die Zeitspanne in die Vergangenheit blicke, die für meinen Großvater so weit zurück liegt wie ich bis zum Erreichen seines Alters brauche, waren gerade die Wählscheiben-Telefone aktuell und es kam das Mehrfrequenzwahlverfahren auf. Es gab noch kein Internet und so konnte vermutlich niemand Voice-over-IP vorhersehen. Wenn es in den kommenden 56 Jahren ähnliche Entwicklungssprünge geben wird, was mehr als wahrscheinlich ist, liegt die fragliche Technologie vielleicht noch hinter dem Horizont.
Aber eigentlich wĂĽnsche ich mir gar keine so riesigen SprĂĽnge. Ich habe keine ernsthaften Probleme mit den aktuellen Kommunikationstechnologien. Ich bin allerdings ein Fan von allem Praktischen, das mein Leben erleichtert und bequemer macht, auch wenn es nicht lebensnotwendig ist. Vieles von dem, was mir derzeit vorschwebt, ist teilweise bereits vorhanden.
So möchte ich zum Beispiel nicht extra einen Computer hochfahren, um über VoIP und Webcam zu telefonieren. Ich hätte gern überall in meinem Haus – ähnlich wie bei Star Trek – in die Wand eingelassene Touchscreens als Computer und „Telefon“ fungieren können und per Fingerdruck oder meine Stimme starten und steuern. So könnte ich etwa ich beim Kuchenbacken (was auch noch in hundert Jahren selbst von einer IT-kompatiblen Oma erwartet werden wird) nicht nur die aktuellsten Rezepte abrufen, sondern nebenher noch mit meiner Familie inklusive Blickkontakt sprechen.
Und wenn ich noch so fit bin, dass ich reisen kann, möchte ich nicht mühsam den nächsten Hotspot suchen sondern mich überall ins Netz einklinken können – nicht nur um zu mailen, sondern auch um Annehmlichkeiten wie Fahrkarten online buchen, die Öffnungszeiten der Museen schnell rauskriegen oder den Text für eine eigenständige Stadtführung herunter zu laden. Diese Informationen werden bis dahin hoffentlich umfassend verfügbar sein.
Sie sind jetzt enttäuscht, dass hier nicht der große visionäre Wurf stand? Ehrlich gesagt werde ich mich im kommenden halben Jahrhundert gern überraschen lassen – und dann in meinem Blog, den vermutlich alle haben werden, berichten, wie mir das Ergebnis gefällt. (wst)