Der nächste Plot Point

Wenn Amphibien, Bienen oder Haie sterben, sollten zumindest Thrillerleser hellhörig werden.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Niels Boeing

In der Umweltpolitik gibt es jede Menge sperrige Begriffe. „Biodiversität“ ist so einer. Selbst unter „Artenvielfalt“ – einem Teilaspekt der Biodiversität – kann sich der moderne Stadtmensch kaum etwas Konkretes vorstellen: höchstens, dass es in unberührteren Landschaften viel mehr und viele verschiedene Tiere gibt. Klingt irgendwie positiv.

Hin und wieder nimmt der Städter in den Medien kurz Notiz davon, dass die Biodiversität in vielen Weltgegenden gefährdet ist. Das klingt nicht mehr so gut, dass einige Tierarten auszusterben drohen. Zum Beispiel Amphibienarten. Ende der Neunziger häuften sich Berichte über ein unerklärliches Amphibiensterben.

Aber der in seinem Alltag jeder erlebbaren Artenvielfalt entwöhnte Städter geht schnell über so etwas hinweg, denn ein paar Lurche mehr oder weniger, was macht das schon? Und wozu sind Lurche überhaupt gut?

Vor vier Jahren war dann von einem rätselhaften Bienensterben die Rede. Doch die Bienen erholten sich wieder einigermaßen – bis vor kurzem erneut Berichte über ein enormes Bienensterben erschienen, das sich derzeit in den USA, aber auch in Europa ereignet und womöglich nicht nur durch Milben, sondern auch durch neue Agrotechnologien ausgelöst wird. Und jetzt können wir lesen, dass die weltweiten Haibestände drastisch zurückgegangen sind. Etwa viermal mehr Haie als geschätzt gingen in den vergangenen Jahren in die Netze der Fischereiflotten, und einige Haiarten sind um bis zu 99 Prozent zurückgegangen.

Das sollte den Stadtmenschen doch hellhörig werden lassen. Nein, nicht weil demnächst möglicherweise Honig und Haifischsteak teurer werden.

Bienen spielen für die Landwirtschaft eine große Rolle, weil sie Kulturpflanzen bestäuben helfen und damit zu deren Fortpflanzung beitragen. Haie stehen als größte Raubtiere der Meere am einen Ende der marinen Nahrungsketten. Fallen sie aus, vermehren sich ihre Beutetiere – selbst Räuber wie der Kuhnasenrochen – drastisch und dezimieren Muscheln und andere kleinere Fische und bringen die Nahrungsketten aus ihrer (dynamischen) Balance. Mit möglichen Auswirkungen auf die Fischereierträge.

Klingelt da was? Ja, so fangen Ökothriller an: Die Einschläge kommen näher und häufen sich.

Amphibien, Bienen, Haie – jeweils für sich betrachtet, erscheint ihr Rückgang nur eine skurrile, traurige oder (jedenfalls für Strandurlauber) erleichternde Episode. Der geübte Thrillerkonsument erahnt hier längst ein größeres Bild. Der Living Planet Report 2006 des WWF hat es so gezeichnet: „Derzeit findet weltweit das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier statt.“ Es spricht ziemlich viel dafür, dass es sich hier ebenso wie beim Klimawandel nicht um eine natürliche, sondern maßgeblich um eine durch menschlichen Einfluss bedingte Schwankung handelt.

Und so könnte es sein, dass wir uns nach der Entdeckung von Energieversorgungsunsicherheit und Klimawandel dem nächsten Plot Point nähern, wenn sich der sperrige Begriff „Biodiversität“, bzw. der drastische Rückgang derselben, in etwas verwandelt, was auch der letzte Städter verstehen kann: in die Gefährdung der Nahrungssicherheit in einem bisher nicht gekannten Maßstab - oder schlichter: immer leerere Supermarktregale. (wst)