Nuckeln am Netz

Vom Globalen Dorf über den Information Superhighway hin zu Second Life: Persönliche Daten en masse.

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Von
  • Peter Glaser

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre prägte der damalige US-Vizepräsident Al Gore für das expandierende Internet die Metapher vom "Information Superhighway". Interessant ist, dass die Metaphorik für den geheimnisvollen neuen Innenraum der Medien aus einer immobilen nun in eine dynamische Form wechselte, vom festliegenden "Globalen Dorf" zum datendurchflossenen "Superhighway". Unterwegssein, on the road, verheißt zwar Abenteuer, aber zugleich ist es ein Synonym für Heimatlosigkeit und das trostlose Leben in Trailer Parks.

Der Metaphernwechsel hatte zwei Gründe. Zum einen familiäre, da der Vater von Al Gore als Senator in den vierziger Jahren maßgeblich am Aufbau des amerikanischen Highwaysystems beteiligt war und der Junior gewissermaßen eine Familientradition fortführte. Zum anderen waren die neuartigen Internet-Zugangsprovider, die digitale Straßen und Geschwindigkeiten verkauften, die ersten Wirtschaftsunternehmen der Netzwelt.

Dann änderte sich die Metaphorik neuerlich, es gab plötzlich jede Menge digitale Städte oder jedenfalls Strukturen, die sich am Bildschirm als Städte darstellten. Nach den Providern nahmen nun Medienunternehmen das Ruder in die Hand. Und sie wollten, nach den klassischen Vorstellungen der Leser-Blatt-Bindung und Zuschauerbindung ihre Inhalte verkaufen und die Netsurfer auf ihre Angebote im Web festlegen.

Diese proprietären Systeme erinnerten an mittelalterliche Städte, wo man am Stadttor Maut bezahlen mußte, und die sich durch Mauern und Gräben abschotteten. Während die alten Städte sich gegen Feinde von außen zu sichern suchten, gab es im Internet eine andere Gefahr. Was viele in den ersten Internetjahren am meisten fürchten, war genau das, was das Internet neu und phantastisch machte: Vernetzung und Verlinkung. Nichts bereitete vielen Inhalte-Anbietern mehr Sorge als die Möglichkeit, die Leser oder Nutzer könnten mit einem Klick auf einen Link wieder in die Unendlichkeit des Netzes hinausverschwinden.

Die Zeit der einstmals großen geschlossenen Systeme wie CompuServe oder AOL ist inzwischen vorbei. Das offene Netz hat sich durchgesetzt. Die Forderung des Web-Erfinders Tim Berners-Lee, das Netz müsse sein Potential nutzen und sich aus einer unendlichen, schweigenden Schaufensterflucht in ein planetares Kommunikationsinstrument verwandeln, hat sich scheinbar erfüllt. Alles kommuniziert wie blöde.

Könnte man jedenfalls meinen.

Aber hinter dem bunten Rauschen, das sich nun unter dem Rubrum Web 2.0 (Er hat das Wort gesagt!) aus dem Netz vernehmlich macht, gibt es ganz vehemente neuerliche Anläufe in die alte Richtung – digitale Angebote, die auftreten als wären sie die neueste Neuerung, die aber nicht viel mehr sind als große Datenkäfige, Stichwort: Second Life.

Social Networking boomt. Im Wilden Westen wurde per Steckbrief nach Outlaws gesucht. Heute, im Milden Westen, möchte man sich gern finden lassen und pinnt deshalb seinen eigenen, möglichst detaillierten Steckbrief an möglichst viele virtuelle Bäume. Der Vergleich wird genauer, wenn man anstelle der Bäume eine spezielle Form von Gefängnis skizziert, in dem der Status der Gefangenen dem von umgekehrten Freigängern ähnelt: Sie dürfen freiwillig in den geschlossenen Bereich und haben oft sogar dafür bezahlt. Social Networking klingt nach munterer Gemeinschaftlichkeit und bienenschwärmerischer Emsigkeit, aber es könnte ebensogut Closed Source heißen oder Dunix (vulgo Du mußt hier leider draussen bleiben).

Die meisten der etwa zwei Dutzend U-Bahnlinien in Tokio sind von Privatunternehmen betrieben. Einer der Firmen gehört auch ein großes Einkaufszentrum in einem der Bahnhöfe. Da man die Bahnhöfe nur mit einem gültigen Ticket betreten kann, bedeutet das: Jemand, der sich kein Ticket kaufen will oder sich keines leisten kann, kann dieses Einkaufszentrum nicht betreten. Öffentlicher Raum, der bis vor kurzem als eine Domäne sozialer Gemeinschaftlichkeit angesehen wurde, wird nun konsequent privatisiert. Im Netz geht das noch viel einfacher.

Gehen wir auf eine Welt zu, wie der Science Fiction-Autor Neal Stephenson sie 1992 in seinem Roman "Snow Crash" entworfen hat – eine brutalkapitalistische Zukunft, in der es kaum noch Staatsmacht gibt, die Rudimente an öffentlicher Ordnung von Privatunternehmen reguliert werden und die Menschen Zuflucht in einem "Metaversum" suchen, einer virtuellen Welt, durch die man sich mit einem einem "Avatar" bewegt? Ich denke nicht, und was mich zuversichtlich macht, ist, wie schnell das faszinierende Funkeln des Neuen im Netz verlischt.

Wie in Second Life so gammeln auch in den meisten sogenannten Sozialen Netzwerken Riesenstapel an virtuellen Karteileichen vor sich hin – Teilnehmer, die gleich nach dem ersten Mal nicht weiter teilnehmen oder spätestens nach der Euphoriephase, in der man "Kontakte" sammelt wie ein Kind, das ein paar Steinchen mit Katzensilber entdeckt hat.

Was mir wirklich Sorgen bereitet, ist, dass die Kinder des Web 2.0 damit aufwachsen, dass es eine scheinbare Selbstverständlichkeit ist, seine persönlichen Daten in aller Ausführlichkeit im Tausch gegen ein paar virtuelle Glasperlen an Firmen auszuhändigen; dass nicht nur der wie Regenwald schwindende öffentliche Raum immer dichter videoüberwacht ist, sondern die Kids sich mit Videochats wie Stickam die eigene Überwachungskamera lustvoll ins eigene Nest setzen; und dass sie, summarum, wie an der Großen Mutter am Netz nuckeln, in nichts als ein süßes, hypnotisches Behagen gehüllt. (wst)