Rauboter
Auch Dunkelmänner müssen heutzutage Hightech-versiert sein. Eine kleine Geschichte illegaler Innovationsschübe.
- Peter Glaser
Die ersten Konfrontationen krimineller Energie mit moderner Technologie verliefen glĂĽcklos. Im Jahr 1969 ĂĽberfiel ein Mann in Los Angeles einen der ersten videoĂĽberwachten Bankautomaten und versuchte die Herausgabe von Geld zu erzwingen, indem er seine Waffe auf das Kameraauge gerichtet hielt.
Im Juni 1993 stellte die New Yorker Polizei einen Roboter bei dem Versuch, eine Bank im Stadtteil Queens auszurauben. Das Gerät hatte nachts versucht, die Wand zu einem Tresor zu durchbrechen. Die Ermittlungen ergaben, dass der Roboter nicht aus eigenem Antrieb gehandelt hatte, sondern von drei Männern ferngesteuert wurde, die in einem Kleinlaster vor der Bank warteten.
Das Verbrechen war dabei, sich die Instrumente des digitalen Zeitalters zueigen zu machen. Die Drogenbarone des Cali-Kartells in Medellin ließen sich für ihre transnationale Logistik eigene Rechenzentren einrichten. Und sie entwickelten eine geradezu vorbildlich sensible Auffassung von Privatsphäre. Jedes Handy wurde, um nicht eingepeilt zu werden, vom Führungspersonal nur für einen einzigen Anruf benutzt.
Im August 2000 nahm die britische Polizei drei Männer unter dem Verdacht fest, in eine Online-Bank, deren Server in Großbritannien beheimatet sind, eingebrochen zu sein. Keine gewöhnlichen “Black Hat”-Hacker. Sie sollen vermittels einer “neuen Art von organisiertem Verbrechen” eine ungenannt große Summe britischer Pfund gestohlen haben.
Das Verbrechen als auch seine Ziele werden, falls die Steigerungsform gestattet ist, ständig virtueller. Beide Seiten, die bürgerliche als auch die der Unholde, spüren die Zeitenwende. Etwas verändert sich. An einer kulturhistorischen Beobachtung lässt es sich festmachen: Der Computer ist das erste Werkzeug in der Geschichte, mit dem man keine Bierflasche mehr aufmachen kann.
Als mediengestählte Menschen des 21. Jahrhunderts stellen wir auch neue Ansprüche an das Verbrechen. Zusätzlichen Nutzwert sozusagen. Längst genügt es nicht mehr, dass Untaten unser Unterscheidungsvermögen zwischen Moral und Verwerflichkeit schärfen. Sie haben darüber hinaus eine gewisse Unterhaltungsverpflichtung zu erfüllen, man denke an die populären Genres Krimi und Thriller.
Auf dem Weg in das digitale Zeitalter wird eine Innovationslücke sichtbar. Der klassische Finsterling klebt konservativ an der analogen Welt. Er schmuggelt Materie, statt auch seinen gesellschaftlichen Beitrag zur digitalen Revolution zu leisten. Und ich meine nicht Off-Shore-Banking zur Verschleierung globalisierter Schwarzgeldströme oder dergleichen, nicht schwerfällige organisierte Kriminalität, sondern den frischen Elan von Startups. Was fehlt, sind kleine, pfiffige Ideen.
Nehmen wir mal sowas wie einen elektronischen Zechpreller (mit Digitalanzeige), ein schickes, niedliches Gadget. Oder sich vermittels Künstlicher Intelligenz halbautonom durch die Stadt bewegende Überfallsdrohnen, denen die Beute – Münz- und Papiergeld sowie Karten aller Art – einfach auf einen eleganten, geräuschlos sich einziehenden Schlitten gelegt werden kann. Keine Schnapsfahnen mehr, keine unschlüssigen oder launischen Räuber. Fast könnte man sich so vorstellen, dass das Leben mit Hilfe digitaler Maschinerie angenehmer würde. (wst)