Erwachet!

“Backup” heißt das kalte Gefühl, das einem den Rücken hochkriecht, wenn nach einem Datenverlust klar wird, dass keine Sicherheitskopien da sind.

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Von
  • Peter Glaser

Nie war die Vernichtung lästiger Romanmanuskripte, von Doktorarbeiten oder andersartiger, in Wochen und Monaten erstellter Arbyte einfacher als mit Computerhilfe. Musste früher mühsam Materie makuliert werden, so genügt heute ein lapidarer Ton, der einen Headcrash anzeigt, mitunter aber auch einfach geräuschloses Hinschwinden. Die drei wichtigsten Ratschläge, die man einem Computernutzer geben kann, lauten deshalb: Sicherheitskopien machen! Sicherheitskopien machen! Sicherheitskopien machen! “Backup” heißt das kalte Gefühl, das einem den Rücken hochkriecht, wenn nach einem Datenverlust klar wird, dass keine Sicherheitskopien da sind. Auch die Integrität von Sicherungsmedien steht inzwischen in Frage. CD-ROMs, die angeblich hundert Jahre halten sollten, sind manchmal bereits nach ein paar Monaten nicht mehr lesbar. Und es sind nicht nur unbedarfte Heimanwender oder schludrige Studis, denen der HDS (Höchstpersönlicher Daten-Supergau) widerfährt.

Das Technologie-Magazin “Business 2.0” etwa erinnert seine Leser seit Jahren daran, wie wichtig es ist, regelmäßige Backups seiner Datenbestände zu machen. In einem Artikel aus dem Jahr 2003 wird das Backuppen mit der Zahnpflege verglichen. Letzte Woche haben sie bei Business 2.0 die Zahnseide vergessen: Das Redaktionssystem gab den Geist auf, mit ihm die ganze Arbeit für die Juni-Ausgabe des Magazins. Und die Backup-Server funktionierten nicht. Die Wiederherstellung der verlorenen Daten wurde paradoxer Weise durch ein Phänomen erleichtert, das in der amerikanischen Geschäftswelt als ein Fluch gilt: die Angst vor Schadensersatzklagen. Kopien der redigierten Artikel waren wie immer per E-Mail zur Begutachtung an Rechtsanwälte geschickt worden. So ergaben zumindest diese Mails brauchbare Backups. Das ganze Layout war aber unwiderbringlich verschwunden. In einem heroischen Akt erstellte die Grafik des Magazins das Ganze nochmal neu. Nachdem die Backup-Server noch nie benötigt worden waren, war niemandem aufgefallen, dass sie nicht mehr funktionierten. Noch in einem Artikel vom letzten November hatte Business 2.0 dislozierte - also andernorts gespeicherte - Backups als unumgängliche Vorsorgemaßnahme aufgeführt.

Bereits ein paar Tage vor der Business-2.0-Redaktion hatte es Tim Pritlove erwischt, einen der guten Geister des Chaos Computer Clubs in Berlin – und das ausgerechnet am Freitag, den 13. Auf einer Party zum Ende einer gelungenen Veranstaltung, der dreitägigen “re:publica – Leben im Netz”, wurde ihm seine Tasche mit Rechner, iPods und Aufnahmeequipment gestohlen. In den Geräten sind zehn Jahre Arbeit, Ideen, Aufzeichnungen und Kontakte festgehalten. Das letzte Backup beschädigt, aber nicht nur das. Da die Daten der Sicherheitskopie verschlüsselt und zum Teil bereits wieder überschrieben worden waren, waren auch forensische Versuche der Datenrettung aussichtslos. Nachdem er sich in den ersten Tagen nach dem Verlust unendlich leer gefühlt hatte, sieht Pritlove die Sache inzwischen als Möglichkeit: “Was sind schon alte Daten, wenn man noch alle beisammen hat und Neues schaffen kann!” (wst)