Das Hyperplakat

Das Plakat, wie wir es kennen, verschwindet. Die Aristokratie von Orten wird abgeschafft, in Zukunft ist ĂĽberall endlich ĂĽberall.

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Von
  • Peter Glaser

Das Plakat, wie wir es kennen, verschwindet. Bald wird es sich in etwas verwandelt haben, dass wir vom New Yorker Times Square oder dem Platz vor dem Bahnhof Shibuya in Tokio kennen – häuserfronthohe Leuchttafeln. Die Aristokratie von Orten wird abgeschafft, in Zukunft ist überall endlich überall. Das Plakat wird nur noch momentlang wiederkehren, als gelegentliches Standbild im Fluss der bewegten Bilder. Es beginnt bereits zu beschleunigen. Wir sehen Hybridformen des Plakats, jalousieartige Verwandlungsformen, Rollplakate. In bildschirmhaften Vitrinen werden verschiedene Plakatmotive über Umlenkrollen im Wechsel an uns vorbeigeführt. Nur noch kurz hält das Bild an; schon entrollt sich das nächste Motiv.

In Bahnhofshallen, Stadien oder den Showrooms der Weltmarken ist der nächste Schritt bereits vollzogen. Wandteppiche aus Leuchtdioden ersetzen das Plakat. Die hypnotische Besänftigung des Fernsehens wölkt leicht wie Blütenstaub in die kathedralischen modernen Großräume.Mit dem Plakat verschwindet das stille, überdimensionale Bild. Formate jenseits von DIN A1 müssen aus der Entfernung gesehen werden, nicht aus der Nähe. Die klassische Art, ein Plakat zu betrachten, ist das Vorbeifahren. Eine Plakatwandreihe ist ein feststehender Film, während der Projektor an den Bildern vorbeieilt. Sich nahe vor einem Plakat aufzuhalten, verhalf uns zu Einblicken in die Physik der Verführung. Das Bild entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Geschwirr von Farbquanten. Wir erkannten: der gradiose Gestus des Plakats ist - Theater.

Mit dem fließenden elektronischen Bild auf den großen Monitorwänden verlieren wir Übermalungen, illegitime Beklebungsergänzungen, Schmieragen, verrutschte und abgefetzte Plakatteile, die Unzulänglichkeiten der analogen Welt. Die Universität Konstanz betreibt einen der größten und schärfsten Monitore Europas, den “Power Wall”. Acht Beamer erzeugen in der 250.000 Euro teuren Anlage eine Auflösung von 4640 mal 1920 Bildpunkten auf einer Fläche von 5,20 mal 2,15 Metern, die einer Bildschirmdiagonale von 221 Zoll entspricht (ein gewöhnlicher Flachbildschirm bringt es auf 1280 mal 1024 Punkte). Noch übertroffen wird der Konstanzer Megamonitor vom “Heywall” des Fraunhofer-Instituts für grafische Datenverarbeitung in Darmstadt, in dem 48 Projektoren eine Auflösung von 6144 x 3072 Pixel erzeugen.

Die teuren Monitorwände sind weit außer Reichweite befestigt. An sie können wir nicht mehr herantreten wie an die billige, robuste Plakatwand. Das Bild bleibt nun in der Entfernung, hoch oben, weit weg, distant. Ein Fernseher für alle, wie in einem Krankenzimmer zweiter Klasse. Auf den Schnitt zwischen zwei Szenen reduziert sich nun der Wechsel der Motive. Beim Papierplakat war er noch ein eigener, betrachtenswerter Vorgang - wenn nämlich zwei Männer, eine Leiter, ein Eimer mit Leim und die Tapetenbürste zum Einsatz kamen. Wobei nicht einfach ein neues Bild über das alte geklebt wurde, sondern erst einmal eine Lage weißes Papier über das alte Motiv, damit keine Kontur aus dem Untergrund in Flächen des neuen Motivs durchschien. Diesen bedächtigen Übergang von der einen Bildfläche nach der anderen hin werden wir beispielsweise vermissen - den kurzen Moment vor allem, in dem die ganze Plakatwand einfach weiß war und die Männer mit dem Leimkübel die nächsten Blätter erst einmal vor ihrem Körper hielten wie Kleidungsstücke, die man vor einem Spiegel im Kaufhaus probiert. Manchmal, selten, wenn eine Plakatwand gerade einmal nicht vermietet war, hielt sich das Weiss, eine beeindruckende, beinah erholsame Leere in der Bilderbedrängnis der Städte, über Tage. (wst)