Russisch für fortgeschrittene Anfänger
Man kann eigentlich alles als eine Herausforderung sehen. Mich bringt russischer Spam dazu, über meine Sprachkenntnisse nachzudenken.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Es heißt ja, dass man stets offen für Neues sein soll. Auch wenn es ungewohnt ist und es einen auf gut Neuhochdeutsch aus der Comfort Zone scheucht. Ich habe das Gefühl, einer solchen neuen Herausforderung begegnet zu sein. Sie kam schleichend, zuerst fiel sie mir gar nicht richtig auf. Erst ein kleines Puzzlestück, dann noch eins und dann schließlich drei an einem Tag. Ich spreche davon, dass ich neuerdings immer öfter türkische und russische Spam-Mails bekomme – und zwar auf meinem Heise-Account, nicht dem privaten! Darüber, dass die neue Spam-Welle noch nicht in Letzteres geschwappt ist, bin ich sehr froh (dreimal auf Holz geklopft). Aber das ist eine andere Geschichte.
Bei den chinesischen – oder waren es japanische? – Spam-Mails war wenigstens klar, dass ich sie nicht lesen kann. Ich versenkte den unaufgefordert zugesandten Asien-Import also ohne groß nachzudenken in Ablage P. Doch die türkischen und russischen Posteingang-Verstopfer lassen mich nicht los. Die Spammer haben allerdings ungewollt etwas ganz anderes angestoßen, was sie so garantiert nicht beabsichtigt hatten. Sie haben in mir Ehrgeiz geweckt, meine Sprachkenntnisse wieder aufzupolieren.
Denn manchmal wüsste ich schon ganz gerne, was mir da gerade angedreht werden soll. Neulich habe ich ein paar Worte einer türkischen Spam-Mail verstanden, etwa "Akademie". Vielleicht hätte ich da billig einen Doktortitel kaufen können. Oder man preist mir billige Medikamente oder Aktien an. Ich weiß es nicht so genau. Natürlich sollte mich das nicht mehr stören als die asiatischen Spam-Mails, die ich bislang schon nicht lesen konnte. Aber hier erkenne ich wenigstens die Buchstaben.
Ähnlich ist es mit russischem Spam. Diese Botschaften erinnern mich daran, dass ich all das, was ich in viereinhalb Jahren Russisch-Unterricht in der Schule gelernt habe (was rückblickend nicht wenig war), inzwischen mangels Übung leider wieder gründlich verlernt habe. Ich kann zwar die kyrillischen Buchstaben noch lesen, aber es bedeutet für mich echte Mühe, zu versuchen, die Worte auch zu verstehen.
Ich kann ja noch nicht mal sagen, ob diese Mails grammatikalisch korrekt sind oder ob mir so lustige Dinge entgehen wie die bekannten, in bestem Pidgin-Deutsch geschriebenen Geldschnorrer-Mails fiktiver afrikanischer Millionärssöhne. Oder noch besser: Neulich hatte ein findiger US-amerikanischer "Bankangestellter" ein millionenschweres herrenlosen Konto entdeckt und bot mir an, zu teilen, wenn ich mich als der verschollene Kontobesitzer ausgebe. Vielleicht haben die türkischen und russischen Spammer ähnlich unterhaltsame Geschichten auf Lager.
Ich sollte wirklich wieder Russisch lernen. Denn ich kann den bösen Spam-Buben noch nicht einmal so eine lustige Mail in gebrochenem Russisch zurückschreiben, wie es vor ein paar Jahren ein FAZ-Redakteur in ähnlich fehlerbehaftetem Deutsch getan hat, wie es die Spammer benutzten: "Haufiger wiederholt haben wir instandig darauf hingewiesen, dass für eine gelungene Integration die Erwerbung der deutschen Sprach zwanghaft ist, weil es der beste Weg ist, Ihren beruflichen Erfolg zu sichern."
In den vergangenen Jahren haben viele Politiker gefordert, ausländische Bürger, die die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten wollen, sollten verpflichtet werden, nach einer gewissen Zeit ausreichende Deutschkenntnisse nachzuweisen. Vielleicht müssen wir aber auch mehr für unsere Sprachkenntnisse tun. Das wäre eine ganz neue Facette der Globalisierung. Lernen Sie Russisch, damit Sie Ihre Spam verstehen. Natürlich ist das nur Spaß, aber im Grunde steckt ein ernster Kern darin.
Ich wickele einen nicht unerheblichen Teil meiner Recherchen auf Englisch ab. Aber jede zusätzliche Sprache kann nur von Nutzen sein. Ich kam zumindest schon mal in die Verlegenheit, dass ich bei der Pressestelle eines größeren französischen Unternehmens tatsächlich Französisch sprechen musste, weil die Dame keinerlei Englisch verstand. Mein Französisch ist zwar besser als mein Russisch, aber es könnte eindeutig besser sein. So gesehen kann es nicht schaden, bereits angelegte Sprachguthaben wieder zu reaktivieren. Die Spam-Mails landen allerdings nach wie vor da, wo sie hingehören – in Ablage P. (wst)