Kleinstaat statt kein Staat

Manchen erscheinen die politischen GefĂĽge, deren Grenzen das Web so leichthin ĂĽberschreitet, bereits als Anachronismus. Sie wollen, dass die Nationalstaaten verschwinden.

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  • Peter Glaser

Es gibt eine Schlüsselerwartung: Die neuen Technologien werden die Gemeinschaft - oder Gemeinschaften - dem Staat überlegen machen und auf diese Weise die Entwicklung der Demokratie stärken. Das Internet ist vor allem deswegen so schnell gewachsen, weil es einen weltweiten Markt geschaffen hat. Märkte aber sind nicht darauf ausgelegt, das zu tun, was demokratische Politik leistet. “Niemand wird hunderte Millionen Dollar im öffentlichen Interesse investieren”, sagte John Malone, als er noch Aufsichtsratsvorsitzender des US-Kabelgiganten TCI war - “Wenn jemand diese Haltung vertritt, fliegt er raus.”

Das Internet schenkt heute vielen ein Gefühl schwebender Beweglichkeit und schwindender Entfernung. Manchen erscheinen die politischen Gefüge, deren Grenzen das Web so leichthin überschreitet, bereits als Anachronismus. Sie wollen, dass die Nationalstaaten verschwinden, von denen im Lauf der Geschichte schon so viel Unheil ausgegangen ist. Ein Weltstaat, so die Vision, würde den Planeten von der Bürde des Kriegs befreien und enorme kulturelle und wirtschaftliche Kräfte freimachen.

Vor 3000 Jahren gab es auf der Welt eine halbe Million verstreuter, kleiner Kulturen. Heute haben wir 193 Nationalstaaten, deren Kommunikation immer mehr bestimmt wird von Weltnachrichtenmedien, Weltpopmusik oder Welt-Entertainment à la Hollywood. Folgt man dem Philosophen Peter Sloterdijk, so hat sich „hinter dem Rücken der Nationalbevölkerungen in allen Weltgegenden bereits eine Art De-facto-Weltgesellschaft gebildet und in den ersten Zügen eingespielt“. Also einfach warten, bis die Nationalstaaten durch immer stärkere Zunahme an transnationalen Strukturen korrodieren? Mitwirken durch die Teilnahme an überstaatlichen Projekten - Linux, Wikipedia, internationale Kommunikationsbörsen?

Ich wäre durchaus dafür, dass die Nationalstaaten verschwinden - aber zugunsten von mehr und kleineren staatlichen Einheiten. „Small is beautiful“, dieser Begriff stammt von dem 1994 verstorbenen österreichischen Philosophen Leopold Kohr. Im September 1941 veröffentlichte Kohr einen bemerkenswerten Aufsatz mit dem Titel „Einigung durch Teilung. Gegen nationalen Wahn, für ein Europa der Kantone“. Darin kommt er zu dem Schluss, dass Demokratie sich nur in kleinen Einheiten entfalten kann. „Das ist natürlich eine lächerliche Idee, orientiert allein an dem Menschen als einem lebendigen, geistigen Individuum. Welteinigungspläne dagegen sind todernste Vorhaben und auf einen Menschen zugeschnitten, den man sich nur als kollektives Wesen vorstellt.“

Die USA werden gelegentlich als Modell für einen künftigen Weltstaat angeführt. Auch dort hat man es für sinnvoller und praktischer gehalten, das große Nationalgebilde in 48 Staaten zu unterteilen. Seit dem Ende der Nachkriegsordnung zerfallen viele Nationalstaaten in kleine Teile, die Autonomie suchen. Diesen Prozeß aktiv und in friedlicher Absicht durchzuführen (also anders als in Somalia), hat für mich die wahre Kraft einer Utopie. Die Nachteile der Kleinstaaterei routiniert zu verhindern, dafür sind Computer und Internet vorzüglich geeignet. Und sie wecken die utopische Sehnsucht nach Individuen, die fähig sind, ihren Willen vernünftig, zivilisiert und selbstbestimmt zu gestalten. (wst)