Falsche MaschinenstĂĽrmer

Je obskurer eine Geschichte ist, desto größer ist für viele die Attraktion, die von ihr ausgeht.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Eine Veranstaltung vor ein paar Tagen, auf der Joseph Weizenbaum sprach, und wieder aufgeflammte Diskussion über die Rote Armee Fraktion weckte in mir eine Erinnerung aus den frühen achtziger Jahren – eine Debatte im Chaos Computer Club über einen Anschlag der RAF auf ein Rechenzentrum in Stuttgart, bei dem es sich um eine militärische Einrichtung der Amerikaner gehandelt haben soll. Es hieß, dass ein Teil der Logistik des US-Militärs während des Vietnamkriegs auch über Deutschland gelaufen sei. Weizenbaum hatte 1977 in seinem berühmten Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" berichtet: „Im Krieg der USA gegen Vietnam wurden Computer von Offizieren bedient, die nicht die geringste Ahnung davon hatten, was in diesen Maschinen eigentlich vorging, und die Computer trafen die Entscheidung, welche Dörfer bombardiert werden sollten und welche Gebiete eine genügend hohe Dichte von Vietcongs aufwiesen, dass sie ’legitimerweise’ zu Zonen erklärt werden konnten, ... über denen Piloten das Recht hatten, auf alles zu schießen, was sich bewegt."

„Kill boxes" heißen diese „legitimen Zonen" in der Sprache der Militärs. Dabei wird ein Raster über ein Land gelegt, welches ein Gebiet von 55 Kilometer Seitenlänge umfasst. Flugzeuge dürfen sich darin selbstständig Ziele suchen, sich diese nach Aufklärungslage zum Abschuss freigeben lassen und feuern. Wer ist verantwortlich, falls irrtümlich Zivilisten getöten werden? Die Rechner, von denen die Aufklärungsdaten bewertet werden? Computer sind für das Militär erdacht und entwickelt worden. Der Geist des Militärs steckt zutiefst in jedem Mikrochip, nicht nur in der ausschließlichen Befehlsform, in der jedes Anwendungsprogramm formuliert ist. Gefährlich daran ist eine forcierte Gewissenlosigkeit, die mit dem Computer einhergeht. Cyberspace als ein Raum, in dem das Recht des Rechenstärkeren regiert und Entscheidungen schneller getroffen werden, als sich Skrupel regen können – nichts kommt der militärischen Effizienz mehr entgegen. Sofern sich doch Auswirkungen auf eine außerhalb des Arbeitsspeichers gelegene Realität ergeben sollten, zeigen alle mit dem Finger auf die Maschine: Die war's. Die Verantwortung, die jeder Mensch hat, diffundiert zunehmend, wenn Computer Entscheidungen von derartiger Tragweite vorbereiten.

Und darum geht es auch in der gegenwärtigen Diskussion um die vormaligen Mitglieder der RAF, die sich 1998 aufgelöst hat: dass sich trotz aller „Bekennerschreiben“ keines der Individuen zu seiner konkreten Tat bekannt hat. Die vormals als Pressemitteilungen abgefassten Selbstbezichtigungen der RAF ähnelten der militärischen Luftbildauswertung – auch hier lief ein Programm ab, das den Einzelnen in seiner Verantwortung ungreifbar machte. Dann ging ich nochmal etwas genauer in diese zwanzig Jahre alte Erinnerung hinein. Die so gut gefügte Geschichte von den gewissenlosen militärischen Maschinenbetreibern und ihren ebenso gewissenlosen maschinenstürmerischen Gegenspielern hielt dem Beschuß durch Information nicht lange Stand. Der Bombenanschlag in Stuttgart-Vaihingen galt keinem Rechenzentrum und keiner militärischen Einrichtung – auch wenn sich im Westen von Vaihingen das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa EUCOM befindet (die amerikanische Luftaufklärung während des Vietnamkriegs lag in den Händen der Pacific Air Forces PACAF unter dem Kommando des in der Hawaiianischen Hauptstadt Honolulu untergebrachten United States Pacific Command USPACOM). Information zerstört manchmal Geschichten, die gut sind, aber nicht wahr. Das ist ein grundlegendes Problem der Aufklärung: die Geschichten, die sie erzählt, sind oft nüchtern und unschön. Je obskurer eine Geschichte ist, desto größer ist für viele die Attraktion, die von ihr ausgeht. Phantastische Geschichten versorgen Menschen mit einem phantastischen Selbstgefühl.

Was bleibt aus dem ganzen Gedächtnisgemenge, ist: Wir haben gegen ein Schwinden von Verantwortung anzukämpfen. Anlässlich der Konferenz „Datenschutz und Datensicherheit“ in Berlin forderte der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, eine „Ethik der Informationsgesellschaft“: „Wir müssen Wertentscheidungen treffen über die Frage, was dürfen, was wollen wir machen?“ Der Nukleartechnik oder der Gentechnologie werden die Fragen seit langem gestellt, viel zu selten der Informationstechnologie. „Laßt mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen“, hatte 1945 der Kernforscher Enrico Fermi allen Einwänden von Kollegen gegen den Bau der Atombombe entgegengehalten, „das ist doch so schöne Physik.“ (wst)