Weapons of Mass Construction
Warum nicht das Web noch einmal erfinden, diesmal auf die Bedürfnisse der Bürgergesellschaft zugeschnitten? Ein Projekt aus London und Berlin "thinks big" - really really big.
- Niels Boeing
Es ist oft beklagt werden, dass die IT-getriebene Globalisierung ein Spiel transnationaler Konzerne ist, dem die Organisation der Bürgergesellschaft weit hinterherhinkt. Während das Big Business sich längst erfolgreich über nationale Grenzen hinweg vernetzt hat und globale Produktionsketten organisiert, werkeln ihre Vertreter nach wie vor innerhalb dieser Grenzen. Sicher, es gibt einen grenzüberschreitenden Austausch in Blogs und Kampagnenplattformen. Aber netzvermittelte Dienstleistungen, die nicht ausschließlich der Logik von Markt und Wettbewerb folgen, sind bisher rar. Vielleicht auch, weil die Maxime „think big“ bislang eher als Sache von Technokraten galt.
Vergangene Woche haben ein paar Enthusiasten aus dem Netzuntergrund in London und Berlin ein Projekt gestartet, das wirklich „big“ ist: Es nennt sich „Espra“. Es geht um nicht weniger, als das Web noch einmal neu zu erfinden.
Espra soll eine Infrastruktur werden, das Individuen in die Lage versetzt, sich zu Projekten zu organisieren und ihr kollektives Wissen tatsächlich produktiv nutzbar zu machen. Es soll „weapons for mass construction“ ermöglichen.
Ein Element sind „Trust Maps“, in die die Idee der Small-World-Theorie eingeflossen ist: In ihr sind persönliche Kontakte enthalten, die zu irgendeinem Thema eine gewisse Reputation mitbringen. Sucht etwa Peter nach Informationen zu Gebrauchtwagen, so werden die Kontakte seines Freundes Rudolph, die als Auto-Spezialisten in dessen Trust Map stehen, automatisch als vertrauenswürdige Quellen mit einbezogen.
Ein weiteres Element trägt dem allgegenwärtigen Privacy-Problem Rechnung: Jeder Espra-Nutzer kann sich „Mesh Identities“ zulegen, also andere Identitäten mit je eigenen Trust Maps, die er für verschiedene Aktivitäten nutzt. Ein Ziel von Espra ist außerdem der „Ecology 1 Million Index“, in den die „Espians“ die Unternehmen stellen, die Fairtrade und nachhaltige Produktion praktizieren.
Derartige Ideen – sowie die 21 weiteren, die das Projekt benennt – sind für sich genommen natürlich nicht neu. Was die Espra-Idee so interessant macht, ist die Chuzpe, mit der ihre Protagonisten sich zutrauen, sie in einer einheitlichen Architektur zu verbinden. Inspiriert von P2P-Netzen wie Freenet oder BitTorrent, wollen sie eine eigene Protokollschicht implementieren, die all diese Espra-Dienste abwickelt. Der Kopf hinter dem Ganzen, der Londoner Programmierer Tav, bezeichnet diese Schicht manchmal als „Plexnet“. Überflüssig zu erwähnen, dass Espra Open Source sein wird.
Kinderkram, Allmachtsphantasien, Nerd-Gefummel, könnte man einwenden. Ich hatte zufällig die Gelegenheit, vergangene Woche dem Beginn von 24 Wochen „happy coding“ als Startschuss von Espra in einer Londoner Büroetage beizuwohnen. Und ich war beeindruckt: nicht vom Ambiente oder irgendwelchen Konzepten, sondern von der positiven, unerschütterlichen Entschlossenheit, mit der Tav und seine Mitstreiter ihr Ding machen wollen. Da war nichts Nerdiges, sondern ein bemerkenswertes Bewusstsein dafür, dass das Internet ein Raum werden muss, der die sozialen Bedürfnisse „von unten“ anpackt.
Es ist derselbe Geist, der das GNU-Projekt von Richard Stallman beflügelt hat, der Linux zu dem gemacht hat, was es heute ist, der Tim Berners-Lee das Web hat vorantreiben lassen. Aber diesmal nicht von der IT-Seite her motiviert, sondern von der Bürgergesellschaft, die sich globalisieren müssen wird. Natürlich müssen einige glückliche Umstände zusammenkommen, um eine große Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Aber warum nicht das Unmögliche wagen?
Vielleicht ist Espra auch die Antwort auf die Frage, die der Kollege Glaser vergangene Woche stellte, ob es eine Alternative zu Weltgesellschaft und Nationalstaaten gibt. Espra könnte eine ganz neue, positive Art von digital vermitteltem Tribalismus ermöglichen, die quer dazu liegt: ein „metanational“, wie es Tav und seine Mitstreiter nennen. Vielleicht werden wir in 20 Jahren alle Espians sein und über das „soziale Internet“ von heute nur müde lächeln – ich hoffe es. Manchmal kann man gar nicht „big“ genug denken. (wst)