Globale Gummizellen
Warum der Internet-Nutzer sich selbst begrenzt.
- Peter Glaser
In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre prägte der damalige US-Vizepräsident Al Gore für das frisch expandierende Internet die Metapher vom "Information Superhighway". Interessant ist, dass die Metaphorik für den geheimnisvollen neuen Innenraum der Medien aus einer immobilen nun in eine dynamische Form wechselte, vom ruhenden "Globalen Dorf" zum datendurchflossenen "Superhighway".
Unterwegssein, on the road, verheißt zwar Abenteuer, aber zugleich ist es ein Synonym für Heimatlosigkeit und das trostlose Leben in Trailer Parks. Der Metaphernwechsel war zum einen familiär bedingt, da der Vater von Al Gore als Senator maßgeblich am Aufbau des amerikanischen Interstate Highway-Systems beteiligt war. Zum anderen waren die neuartigen Internet-Zugangsprovider, die digitale Straßen und Geschwindigkeiten verkauften, die ersten Wirtschaftsunternehmen der Netzwelt. Dann änderte sich die Metaphorik neuerlich. Es gab plötzlich jede Menge "digitale Städte" oder jedenfalls Strukturen, die sich am Bildschirm als Städte darstellten. Nach den Providern nahmen Medienunternehmen das Ruder in die Hand. Sie wollten Zuschauerbindung und ihre Inhalte verkaufen, die Netznutzer auf ihre Angebote festlegen. Diese proprietären Systeme erinnerten an mittelalterliche Städte, wo man am Stadttor Maut bezahlen mußte, und die sich durch Mauern und Gräben abschotteten.
Während die alten Städte sich gegen Feinde von außen zu sichern suchten, gab es im Internet eine andere Gefahr. Was viele Betreiber in den ersten Internet-Jahren am meisten fürchten, war genau das, was das Internet neu und phantastisch machte: Vernetzung und Verlinkung. Nichts bereitete den Inhalte-Anbietern mehr Kopfzerbrechen als die Möglichkeit, die Leser oder Nutzer könnten mit einem Klick auf einen Link wieder in die Unendlichkeit des Netzes hinausverschwinden. Die Zeit der einstmals großen geschlossenen Systeme wie CompuServe oder AOL ist inzwischen vorbei. Das offene Netz hat sich durchgesetzt. Die Forderung des Web-Erfinders Tim Berners-Lee, das Netz müsse sein volles Potential nutzen und sich aus einer schweigenden Schaufensterflucht in ein planetares Kommunikationsinstrument verwandeln, hat sich scheinbar erfüllt. Alles kommuniziert wie verrückt.
Möchte man jedenfalls meinen.
Hinter dem bunten Rauschen, das sich nun unter dem Rubrum Web 2.0 aus dem Netz vernehmlich macht, gibt es vehemente neuerliche Anläufe in die alte Richtung – digitale Angebote, die sich neu geben, aber oft nicht viel mehr sind als große Datenkäfige, Stichwort: Second Life. Social Networking boomt. Und eigentlich möchte man sich kaum etwas erfrischender und interessanter vorstellen als Menschen, die wie virtuelle Turmspringer in diese brodelnde, kommunizierende Masse eintauchen und schöne Sachen mit ihr machen. Social Networking klingt nach emphatischer Gemeinschaftlichkeit und bienenschwärmerischem Menschentum, aber es ähnelt auffallend oft dem, was im First Life "Gated Communities" heißt – ummauerte Areale des Wohlstands, in denen Zufahrten und Passanten scharf kontrolliert werden. In Second Life kann man die Mauern nicht einmal mehr sehen. Man fliegt einfach dagegen, wie gegen die Begrenzung einer unsichtbaren Gummizelle. (wst)