Der Fehler von Heiligendamm
Auf dem G8-Gipfel geht es wie immer um Geld und Demokratie fĂĽr das "Armenhaus" Afrika. Das technische Knowhow fĂĽr seine Industrialisierung wird jedoch nicht freigegeben.
- Niels Boeing
Wenn morgen die mächtigen Acht in Heiligendamm zusammentreffen, steht wieder einmal Afrika auf dem Programm. Dieser riesige, faszinierende Kontinent, der hier vor allem als Armenhaus wahrgenommen wird, das von Korruption, Schulden und Bürgerkriegen geplagt wird. Hilfe ist dringend nötig, darin zumindest sind sich alle einig. Mehr Geld, mehr praktizierte Demokratie, umfangreiche Schuldenerlasse, Marktöffnung für afrikanische Exportwaren – diese Vorschläge sind seit Jahren in der Debatte, und sie sind alle irgendwie richtig. Aber genügen Geld und Demokratie, um Afrika den großen Push zu geben?
Anver Versi hat in einem Kommentar im Magazin New African kürzlich eine andere Perspektive angemahnt: „Afrika ist nicht arm. Es ist ‚unterentwickelt’ nur in dem Sinne, dass es nicht wie der Rest der Welt gelernt hat, Wohlstand zu vermehren, indem große Mengen von allem industriell hergestellt werden.“ Das liege vor allem daran, dass Afrika auch nach dem Ende des Kolonialismus vom Westen weiterhin als Rohstofflieferant niedergehalten worden sei.
Wer den Weg der Industrialisierung einschlagen will – und diesen Entwicklungspfad sollten auch Globalisierungskritiker Afrika nicht verweigern –, benötigt neben Kapital vor allem technisches Knowhow. Es ist die zweite wichtige Voraussetzung, um industriell produktiv zu werden und Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen.
An diesem Knowhow fehlt es: Wer je afrikanische Länder mit eigenen Augen gesehen hat, dem springt sofort der mitunter beklagenswerte Zustand seiner Verkehrssysteme, Informationsinfrastrukturen und Städte ins Auge. Produkte, die auf dem heimischen Markt angeboten werden, sind oft entweder nur zweite Wahl – die erste wird exportiert – oder qualitativ deutlich schlechter als importierte Waren, die vornehmlich aus Asien stammen. Der Maschinenpark ist veraltet und kaum konkurrenzfähig.
Wie aber kommt Afrika an das technische Knowhow? Die gängige Antwort lautet: durch ausländische Direktinvestitionen. Wenn erst einmal Ruhe im Armenhaus eingekehrt ist, bringen die internationalen Unternehmen ihre Technik mit, wenn sie neue Standorte in Afrika aufbauen. Technik, die gut geschützt ist durch ein mächtiges Instrument: geistige Eigentumsrechte (vor allem Patente), deren Nutzung das internationale TRIPS-Abkommen regelt. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Um frei über die Technik verfügen zu können, müsste Afrika sich an die Spielregeln halten und das nötige Kapital ansammeln, um sie lizenzieren zu können.
Dass dieser Fall in den nächsten 20 Jahren eintreten wird, damit rechnet inzwischen niemand mehr. Hinter gar nicht mehr so vorgehaltener Hand gehen die Mächtigen davon aus, dass Afrika nicht vor Ende des 21. Jahrhunderts gleichziehen könnte mit den anderen industrialisierten Regionen der Welt. Der designierte britische Premierminister Gordon Brown schätzte kürzlich gar, dass dies erst 2130 der Fall sein dürfte – immer vorausgesetzt, dass sonst keine politischen oder Naturkatastrophen eintreten.
Wie der Patentschutz Entwicklung behindert, zeigt der Streit um pharmazeutische Produkte. Seit Jahren wehren sich Pharmakonzerne massiv gegen die Produktion von billigeren Generika vor Ort, die etwa im Kampf gegen AIDS für die Menschen bezahlbar wären. Auch in der landwirtschaftlichen Biotechnik versuchen Konzerne wie Monsanto, afrikanischen Bauern ihre „Einwegprodukte“ schmackhaft zu machen: Die Lizenz zum Aussäen gilt nur für eine Anbausaison. Dabei ginge es auch anders. Ein Beispiel ist das Internationale Reisforschungsinstitut IRRI auf den Philippinen. Sämtliche dort gezüchteten Reissorten können ohne Lizenzgebühren von Landwirten in aller Welt zur freien Verwendung bezogen werden.
Ein drittes Feld ist die Informationstechnik. Auch hier können freie Technologien eine Kreativität freisetzen, die eigene Entwicklungen ermöglicht. Das demonstriert eindrucksvoll der in Indien auf Linux-Basis entwickelte Palmtop „Simputer“. Seine Anwendungen, die keinem westlichen Konzern einen Dollar Forschungsgeld wert gewesen wären, berücksichtigen auch Analphabeten als Nutzer sowie regionale Besonderheiten wie ein indisches System der Buchführung. Der Simputer wartet zudem mit Konzepten auf, die Apple kürzlich mit viel Fanfare in seinem künftigen iPhone verspricht – entwickelt wurden sie in Indien schon vorher. Natürlich war dafür auch jede Menge Kapital nötig. Aber Kapital alleine hätte eben nicht gereicht.
Solange bei den geistigen Eigentumsrechten an technischem Knowhow kein radikales Umdenken einsetzt, wird Afrika seinen industriellen Rückstand nicht aufholen. Dass dieses Umdenken in Heiligendamm einsetzen könnte, ist nicht zu erwarten. Angela Merkel hat im Vorfeld geäußert, dass der Schutz geistigen Eigentums gestärkt werden müsse. Im Sinne der globalisierten Wettbewerbslogik hat sie Recht. Unter humanistischen und entwicklungspolitischen Gesichtspunkten könnte es eine fatale Fehleinschätzung sein, die vor allem Europa als Nachbar noch teuer zu stehen kommt. (wst)