Das Totmann-Prinzip

Eine Eigenart von Straßenbahnen und Lokomotiven soll die digitale Ökonomie bereichern.

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Von
  • Peter Glaser

Auf dem Schulweg konnte ich früher in der Straßenbahn ab und zu dem Fahrer über die Schulter schauen; die Fahrerkabine war offen. Neben der großen Kurbel, mit der die Geschwindigkeit der Bahn zu regeln war, gab es einen interessanten Knopf, unter dem ein beschriftetes Schild festgeschraubt war. Auf dem Schild stand “Totmann”. Lange Jahre hielt ich das für einen ungewöhnlichen Firmennamen. Dann erfuhr ich, dass der Knopf so heißt, weil er dazu da ist, festzustellen, ob der Mann, der vor ihm steht, noch lebt oder handlungsunfähig beziehungsweise tot ist.

Was früher schlicht Totmannknopf hieß und heute als Sicherheitsfahrschaltung bezeichnet wird, muß auch von Lokführern in modernen Zügen nach wie vor alle 30 Sekunden betätigt werden. Wenn nicht, wird nach einer Warnung eine Zwangsbremsung ausgelöst. Daran mußte ich denken, als ich vor ein paar Tagen zwei Meldungen auf dem Bildschirm hatte, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Nahe Berlin war ein Lokführer bei Tempo 120 aus einem aus Budapest kommenden Eurocity gefallen, der Zug wurde automatisch abgebremst. Die Ursache für das Unglück ist noch ungeklärt. Eine Vermutung geht dahin, dass der Lokführer beim Pinkeln aus der offenen Tür der Lok gefallen sein könnte. Es ist üblich, dass Lokführer sich so erleichtern, sie haben nur alle sechs Stunden Anrecht auf eine Pause und in Loks gibt es keine Toiletten.

Die zweite Meldung besagte, dass Hewlett Packard in nächster Zeit einen mit dem Marketingschwurbel “HDTV 2.0” versehenen Fernseher auf den Markt bringen will, der über eine Funktion verfügen soll, “mit der direkt über das Gerät Filme gekauft werden können”. Die Idee eines “Kaufen!”-Knopfs an Kommunikationsgeräten gespenstert seit Jahrzehnten durch die vernetzte Welt. Er soll im Prinzip genauso funktionieren wie der Totmannknopf. Erst waren die Medien selbst permanent geworden, beginnend mit dem Radio, das als erstes rund um die Uhr sendete, gefolgt von den TV-Sendern in den achtziger Jahren; derzeit schwinden die temporären Wählverbindungen ins Netz – wenn ein Rechner an ist, ist er online. Im nächsten Schritt übertrug sich die fortschreitende Permanenz auf die Inhalte, statt nur einmal abends Tagesschau gibt es nun stündlich oder halbstündlich Nachrichten etc. Auch Beschränkungen wie Ladenschlußzeiten stehen im Netz dem Wunsch, ständig Zugang zu allem zu haben, nicht mehr im Weg.

Was dem permanenten Angebotsfluß noch fehlt, ist ein ebenso permanent konsumwilliges Gegenüber. Hier setzt der Kaufen-Knopf an. Mit der Bequemlichkeit, die er bietet, können Konsumschlappheit und Motivationsschwächen bei sportlich betriebenem Kaufen unangestrengt behoben werden, so jedenfalls das Konzept. Bereits als Anfang der achtziger Jahre das deutsche Bildschirmtextsystem BTX eingeführt wurde, das Trichtergrammofon unter den öffentlichen Datenfernübertragungsangeboten, war eine Kaufen-Taste auf der zur entsprechenden Erweiterung des Fernsehapparats notwendigen Tastatur vorgesehen.

Was in Fantasy-Spielen als megalomanische Wirtschaftsvorstellung durchgehen mag – in dem Spiel “Omega Day” gibt es beispielsweise ganze Kaufgalaxien mit Kaufen-Knopf - formiert sich nun auch in unserer digitalen Alltagswelt. Die (unausgesprochene) Zielvorstellung einer digitalen Ökonomie ist konsequenter Weise ein Kaufen-Knopf, der nach dem Prinzip der Totmann-Schaltung funktioniert. Während am Bildschirm Anzeigen, Werbung oder andere Konsumeinladungen durchlaufen, muß man alle 30 Sekunden drücken – sonst wird geliefert.

Was das Handling von Knöpfen angeht, sollten wir mithin hoffen, dass uns die Formen ergonomischen Irrsinns treu bleiben, die uns bereits durch die zurückliegenden Jahrzehnte der Technikgeschichte begleitet haben. Als ich bei einer Freundin die Bedienungsanleitung für ein nagelneues Backrohr studierte - wir wollten eine conveniente Tiefkühlpizza erwärmen - gab ich schließlich nach einer Viertelstunde und dem Hinweis “Drücken Sie den Knopf auf Seite 16” auf. Auf Seite 16 war weder ein Knopf, noch ein inhaltlicher Bezug zu meinen unbeantworteten Fragen, mit denen ich mich nach dorthin durchgeblättert hatte. Ich überlegte kurz, die Bedienungsanleitung auf einem Backblech anzuzünden und damit die Pizza heißzumachen. (wst)