Zeichen der Zeit

Warum Vlogs in Gebärdensprache im Internet boomen.

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Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Der Mann mittleren Alters mit Baseballkappe steht in seinem Garten und gestikuliert mit ausladenden Bewegungen in die Kamera. Man kann nicht hören, was er sagt – das Youtube-Filmchen „The new ride lawn mower“ ist zudem gegen die Sonne aufgenommen –, aber es geht offenbar um den Rasenmäher neben ihm. Der Mann schubst das Gerät schließlich mit einer theatralischen Bewegung aus dem Bild und ist in der nächsten Einstellung vor einem viel größeren, fahrbaren Gerät des Modells Mini-Traktor zu sehen. Er greift sich eine Fernbedienung von der Motorhaube und setzt dann den Mini-Traktor mit Hilfe der Fernbedienung in Bewegung.

Was auf den ersten Blick wie eine Videoaufnahme aussieht, bei der die Tonspur versagt hat, ist in Wirklichkeit ein in Gebärdensprache aufgenommener Kurzfilm. Die Zahl solcher von Gehörlosen oder Schwerhörigen aufgenommenen Videos bei Youtube und Co. ist seit dem vergangenen Jahr sprunghaft gestiegen. Taube und Schwerhörige nutzen die Videoblogs (Vlogs), um über ihren Alltag zu berichten, sich gegenseitig bei der Jobsuche zu helfen oder auch häufig zum Erzählen von humoristischen Geschichten. Der freundliche Mann mit der Baseballkappe etwa wird am Schluss des Films scheinbar von seinem nicht mehr auf die Fernbedienung reagierenden Rasenmäher überrollt – übrig bleiben nur ein Häufchen Kleidung, ein Skelett und die Textwarnung, dies zu Hause nicht nach zu machen.

Zu den am häufigsten aufgerufenen Gebärdensprachen-Videos bei Youtube gehört “An idiot boy and a motorbike von Jon Thompson. Der junge Mann erzählt in der amerikanischen Gebärdensprache ASL (american sign language) die erfundene Geschichte eines Jungen, der bei der ersten Fahrt mit seinem neuen Motorrad eine Katze überfährt, mit den Schnürsenkeln in den Speichen hängen bleibt und ein altes Ehepaar mit Brillengläsern so dick wie Flaschenböden fast zu Tode erschreckt.

Es gibt mehrere Gründe für den Boom der Gebärdensprachen-Vlogs. Zum einen eröffnen sie Gehörlosen eine viel ausdruckstärkere Möglichkeit als Emails, sich auch über Entfernungen hinweg in Echtzeit auszutauschen. Gebärden entsprechen nicht eins zu eins der geschriebenen Sprache und sie bestehen neben Zeichen aus sehr viel Mimik. Taube bezeichnen sie als extrem bilderreich, ja sogar als Malen mit den Händen. Seit der massenhaften Ausbreitung von Blackberrys und anderen videofähigen Geräten braucht man nicht mal mehr einen Laptop zum Kommunizieren.

Ihre eigene Gebärdensprache ist für Gehörlose zudem die Muttersprache schlechthin und absolut gleichwertig zur gesprochenen Sprache. Deshalb empfinden sich viele keineswegs als Kranke, die geheilt werden müssen, und lehnen Hilfsgeräte wie Cochlea-Implantate ab.

Ihre extremste Ausdrucksform erfuhr diese Philosophie, die Gehörlosigkeit als eigenständige Kultur begreift, als im vergangenen Jahr Studenten der Gallaudet Universität durch massive Proteste die Ernennung von Jane Fernandes zur Unipräsidentin verhinderten. Die Studenten der in Washington DC angesiedelten Universität für Gehörlose und Hörgeschädigte gaben als einen Hauptgrund ihres Protests an, dass die taub geborene Fernandes als Kind statt der Gebärdensprache das Sprechen gelernt und sich ASL erst als Erwachsene angeeignet habe. Mit anderen Worten, sie könne die Belange und Interessen der Studenten nicht richtig vertreten. Der Protest breitete sich durch Online-Videos rasend schnell aus. Das Ereignis gilt deshalb als Auslöser des Vlog-Booms bei Gehörlosen, die es inzwischen als das Medium der Zukunft für sich sehen.

Die Filmemacher unter ihnen hoffen sogar, auf diese Weise genügend Aufmerksamkeit zu erlangen, um es an den Broadway oder nach Hollywood zu schaffen. Ein erfolgreiches Vorbild dafür gibt es bereits: Im Kinofilm „Jenseits der Stille“, der den Oscar für den besten ausländischen Film gewann, bekamen Hörende einen vermutlich immer noch vagen, aber dennoch beeindruckenden Eindruck davon, wie reichhaltig und im wahrsten Sinne bildreich Gebärdensprachen sind.

Jon Thompson ermuntert übrigens die hörenden Zuschauer seines Kurzfilms, die ihn um Erklärung bitten, nach einer freundlichen Ablehnung dazu, die Gebärdensprache zu erlernen. Sie sollen selbst herausfinden, worum es geht und wie poetisch ASL und ihre Sprachverwandten sind. Darauf hat er mit seinem Video definitiv Lust gemacht. Und was eignet sich besser alles andere dazu, über Vlog-Kurse vermittelt zu werden, als die Gebärdensprache? (wst)