Verflucht: Zu schnell fĂĽr den Erfolg

Japans Handy-Industrie beweist: Nicht immer garantiert technische Ăśberlegenheit globalen wirtschaftlichen Erfolg.

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Von
  • Martin Kölling

Hier stehe ich im Himmel der Technikfreaks, der Yurakucho-Filiale des japanischen Technikkaufhauses Bic Camera, um mein Handy durch den Kauf eines Tuners für den Empfang von terristrischem Digitalfernsehen flott zu machen. Und wieder wundere ich mich. In diesem Paradies werden die modernsten Handys der Welt für die vielleicht fortgeschrittensten Mobilnetze der Welt präsentiert. Zwei bis drei Jahre sei Japaner der Welt mit Ausnahme Südkoreas voraus, sagen mir Fachleute.

Aber im Rest der Welt hinken Japans Handyhersteller eine Dekade hinter den Marktführern hinterher. Nur Sony ist durch sein Joint-Venture mit Ericsson nennenswert präsent. Anders als bei Digitalkameras oder Flachfernsehern können die Japaner bei Handys ihren technischen Vorsprung einfach nicht in globale Marktführerschaft umsetzen.

Und ich schaue auf die TV-Handys, PDA-Handys und die großen Bildschirme und denke, dass die Erklärung für dieses Paradox möglicherweise ganz simpel ist: Vielleicht ist Japan dem Weltmarkt zu weit voraus. Vielleicht sind die Hersteller viel zu verwöhnt vom Leben im Handy-Paradies. Während in Europa und dem Rest der Welt superschnelle mobile UMTS-Netze erst langsam abheben, telefonieren in Japan schon mehr als 60 Millionen Menschen mit Handys der dritten Generation. Inzwischen bereitet sich die Industrie schon auf die Einführung der nächsten Netzwerkgeneration im Jahr 2009 vor, die in der Endausbaustufe Daten mit 100 Mbps schnurlos übertragen kann. Das schaffen heute gerade mal stationäre Glasfaseranschlüsse.

Die Ursache für Japans hohes Tempo bei schnurlosen Fernsprechern liegt nicht etwa wie gerne und oft behauptet in einer unterstellten besonderen Technikfreundlichkeit des fernöstlichen Wesens, sondern profan im Geschäftsmodell des größten Handynetzbetreibers der Welt NTT Docomo. Durch eine kluge strategische Entscheidung schufen die Japaner eine positive Rückkopplung, während in Europa die Gier nach schnellem Gewinn die Verbreitung des mobilen Internets bremste.

Während anderswo auf der Welt die Netzbetreiber den Inhalteverkäufern mehrere dutzend Prozent vom Verkaufserlös für Klingeltöne oder Hintergrundbildchen abpressen, zwackt Docomo nur rund ein Zehntel ab. Gleichzeitig subventioniert das Unternehmen immer neue High-Tech-Handys auf Schnäppchenpreisniveau herunter (und refinanziert das zum Teil durch hohe Verbindungsgebühren). Dass der Staat anders als in Deutschland bei der Vergabe der Sendefrequenzen nicht dick abkassierte, sondern die Lizenzen verschenkte, half natürlich auch, binnen weniger Jahre eine blühende mobile Internetlandschaft zu schaffen.

Weil die Inhalteanbieter schon relativ schnell Gewinne erzielen konnten, sprossen die Dienste. Die Vielfalt wiederum gab den Kunden einen Anreiz, das mobile Internet auch zu nutzen, und natĂĽrlich durch das rasche und hoch bezuschusste Trommelfeuer der Neuerungen sich jedes halbe Jahr wieder den neuesten technischen Schrei zuzulegen. Das erste Handy mit Farbdisplay debĂĽtierte in Japan, das erste Kamerahandy usw. Und die Netzbetreiber hoffen auf hohe Nutzung und damit hohe Einnahmen aus dem Datentransfer. Richtig reich ist mit diesem System zwar keiner der Anbieter geworden, aber etwas Gewinn machen viele. Und den Kunden macht es SpaĂź.

Der globale Vorstoß der Japaner scheiterte jedoch kläglich. Erstens konnten sie ihre heimischen Wunderhandys nicht eins zu eins im Ausland verkaufen, da kein japanischer Netzbetreiber auf den in Europa und den USA gängigen GSM-Standard setzte. Durch die doppelte Entwicklung machten sie daher leicht Verluste wie andersherum Nokia in Japan. Zweitens ist High-Tech in Europa zu teuer, weshalb mittlere und reichlich wie preiswert verfügbare Technik für die Handyhersteller ausreicht. Drittens verlernten die Hersteller den in Europa so wichtigen Markenaufbau. In Europa kaufen die Kunden eine Handy-Marke, in Japan ein Telefon eines der Netzbetreiber. Der ordert das Phone und klebt sein Logo in groß und das des Hersteller – wenn überhaupt – nur in klein drauf.

Der unter Panasonic firmierende Elektronikkonzern Matsushita Electric Industrial zog sich gänzlich aus Europa zurück und konzentriert sich erstmal auf den japanischen Markt. Sharp versucht stolpernd ein Come-Back. Sharps Vize-Präsident Masafumi Matsumoto erzählte mir mal, dass das Unternehmen noch immer damit kämpfe, in Europa den richtigen Mix aus Technik und Preis zu finden.

Jetzt hoffen die Hersteller darauf, vielleicht ab 2009 mit der Einführung der supermegaschnellen Netzwerke der nächsten Generation den Weltmarkt zurückerobern zu können. Doch wenn die Geschichte der UMTS-Einführung als Leitfaden dient, werden sie auch diesmal der Welt wieder zu weit voraus zu sein. Und die anderen Handyhersteller werden wie bisher die veraltete Technik preiswert verbauen und damit die Japaner weiter schlagen können, weil die Technik just dem Entwicklungsstand ihrer Hauptmärkte entspricht. So werden sich die Japaner womöglich auch in der nächsten Mobilnetzgeneration nicht vom Fluch ihres technischen Vorsprungs befreien können. (wst)