Die mediale Mär vom Kampf der Konsolen

Nintendos innovative Lowtech-Konsole Wii lässt Sonys Hightech-Grafikwunder Playstation 3 derzeit alt aussehen. Aber eigentlich werden hier Äpfel mit Birnen verglichen.

vorlesen Druckansicht 8 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling

Ich gestehe: Auch ich habe mich lange an der Treibjagd gegen Sonys neue Spielkonsole Playstation 3 beteiligt, die diese Woche in die nächste Runde ging. Gestern meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Marktkapitalisierung des relativ kleinen Rivalen Nintendo die des globalen Giganten Sony fast eingeholt hat. Tags zuvor verlautbarten die Gazetten, dass Sony die Preise für die PS3 senken wolle, um nicht zu weit hinter die rivalisierenden Produkte wie die Wii von Nintendo oder die Xbox360 von Microsoft zurück zufallen.

Auch aus meiner japanischen Sicht fällt das Dreinschlagen auf Sonys Grafikwunder, das derzeit doch nur die gleichen Spiele wie früher noch täuschend echter hochaufgelöst auf Flachbildschirme zaubert, nur zu leicht. Denn die PS3 stapelt sich in den Regalen der Kaufhäuser, obwohl Sony daheim den PS3-Preis schon vor dem Produktstart im November 2006 um 20 Prozent gesenkt hat, während selbst Nintendos tragbare Konsole DS lite auch ein Jahr nach der Einführung permanent ausverkauft ist.

Von der hochgehypten Lowtech-Konsole Wii gar nicht zu sprechen. Außerdem scheffelt Nintendo bereits jetzt Rekordgewinne, während die PS3 für Sony mindestens noch bis 2008 ein Zuschussgeschäft ist.

Doch tief in mir nagt ein Zweifel. Ist es denn wirklich gerecht, die Wii zum Sieger im Kampf der Konsolen auszurufen? Denn mal ganz ehrlich: Im Prinzip vergleichen wir Vergleicher Äpfel und Birnen, die Erbsenzählerei, wer denn mehr verkauft, führt in die Irre. Schließlich passiert in der Videospielbranche nur das, was wir bei anderen Produkten wie Autos oder Kameras schon lange klaglos akzeptieren: Der Markt spaltet sich auf in viele verschiedene Segmente, die sich schlicht und ergreifend nicht mehr wie in den Jahren der PS2 durch eine Konsole monopolisieren lassen.

Fans von Baller- und Raser-Spielen brauchen im digitalen Breitband-Zeitalter die Rechenfeuerkraft zumindest einer XBox360, besser noch die einer PS3, um das Blut möglichst naturgetreu spraddeln zu lassen. Für die erforderliche Hightech müssen sie halt wie ein Mercedes-Fahrer tief in die Tasche greifen. Auf der anderen Seite gibt es Heerscharen an Menschen, die schon bei simpel gehaltenen intelligenten Spielchen Vergnügen empfinden. Für die ist der Käfer unter den Konsolen, die einfach bedienbare Wii, das passendere Produkt.

Das Ergebnis: Die PS3 wird nicht unbedingt schlecht verkauft. Nur reißen sich plötzlich auch Frauen und Senioren um die Wii, die damit die von der Jugend diktierte Videospielwelt demokratisiert wie seinerzeit der Käfer das Autofahren.

Angesichts des Ansturms des Normalvolks auf den einstiegen Gral von Spielefreaks mimmt es nicht Wunder, dass mehr Wiis als PS3 verkauft werden. Es wurden ja auch mehr Käfer als Luxusboliden verkauft. Dennoch würde niemand behaupten, dass der Käfer in einem Kampf der Karossen der Sieger gewesen wäre.

Und mehr noch: Die PS3 wird in Zukunft erst richtig ihr Haupt recken können. Schließlich haben die Spielentwickler bisher nur an der Oberfläche ihres technischen Leistungsvermögens gekratzt. Wenn man nur endlich die Kreativität Nintendos mit der Technik Sonys kreuzen würde, könnte die PS3 nicht nur wie die Wii die Tür zu neuen Spielwelten, sondern -universen aufstoßen. Das Ding ist so rechenstark, dass die Steuerung von Figuren durch mit Bewegungssensoren ausgestatteten Anzügen möglich ist.

Kurz gesagt: Wahrscheinlich werden beide Konsolen in ihren Klassen erfolgreich sein. Nur verkaufen sich Sowohl-als-auch-Thesen in unserer auf Schwarz-Weiß-Malerei getrimmten Medienlandschaft nicht so gut. (wst)