Bio-Hacking

Leben ist Code, lautet das enthusiastische Credo der Synthetischen Biologie. Und wenn es zu biologischer Malware umprogrammiert wird?

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Von
  • Niels Boeing

Die synthetische Biologie gilt ja als eines der hipsten neuen Forschungsgebiete in den Life Sciences. In Zürich tauscht sich seit Sonntag eine noch überschaubare Community von vielleicht 300 Forschern auf der „Synthetic Biology 3.0“ darüber aus, wie Bakterien zu ganz neuen Biomaschinen umprogrammiert werden könnten. Programmieren wird hier aber offensichtlich nicht nur als Forschungsparadigma verstanden, es gibt der Veranstaltung auch eine eigene subkulturelle Einfärbung – der Nerdfaktor ist jedenfalls beachtlich.

George Church zum Beispiel, einer der Vordenker des Feldes, ließ mit seinem Powerpoint-Gewitter auch so manchen Insider ein wenig sprachlos zurück. Auf seinen und den Folien von Kollegen wimmelte es nur so von Gensequenzen, Protein-Kürzeln und Diagrammen zellulärer Schaltbilder (die einzigen wirklich klar strukturierten Vorträge werden übrigens von Frauen, genauer gesagt Studentinnen, präsentiert – darin bin ich mir mit Jim Thomas von der ETC Group einig).

Leben als Code. Bei der Vorstellung der menschlichen Genomsequenz vor sieben Jahren konnte man diese Idee noch als ĂĽberstrapazierte Metapher abtun. Auf der SB 3.0 bekommt sie nun eine andere Dimension.

Natürlich wollen die Bio-Nerds nur Gutes: Bakterien schaffen, die Wasserstoff für Brennstoffzellen oder Medikamente produzieren, die Schwermetalle beseitigen oder als implantierte Bioschalter die Insulinabgabe für Zuckerkranke dosieren. Aber was ist, wenn irgendwann Bio-Hacker dazukommen und wie ihre digitalen Vorläufer ebenfalls Malware, diesmal biologische, programmieren? Das ist zur Abwechslung mal keine Schwarzweißmalerei von mir oder anderen üblichen Verdächtigen, sondern ein Szenario, dass die Community schon seit längerem beschäftigt.

Gautam Mukunda von der Boston University, der an einer Studie zur Biosicherheit arbeitet, präsentierte folgendes denkbare Rezept: Man nehme ein für das Immunsystem unerkennbares „Chassis“ (also eine Bakterienhülle), darin ein umprogrammiertes Genom, das Schlaf-auslösende Hormone produziert, und einen Mechanismus, der das Gebilde die Blut-Hirn-Schranke passieren lässt – und schon hätte man eine nicht-tödliche Biowaffe. Der Gegner wird einfach schlafen gelegt.

Sicher, die meisten Konzepte sind bislang eher Labor-Demos, und es wird noch Jahre dauern, bis echte Prototypen daraus werden. Das gilt erst recht für sinistre Anwendungen von „Dual-use“-Genen, wie sie Mukunda treffend nannte. Aber die meisten Konferenzteilnehmer waren sich darin einig, dass sehr bald Sicherheitsstrukturen aufgebaut werden müssen, die das Risiko neuer B-Waffen frühzeitig minimieren.

Dazu könnte eine White List vertrauenswürdiger Firmen, Institutionen und Staaten gehören, von denen Gensynthese-Unternehmen Aufträge annehmen können, eine international standardisierte Prüfsoftware für bestellte DNA-Sequenzen oder eine Liste von Genen, die bekannte Pathogene produzieren, schlug Ralf Wagner von Geneart vor, dem führenden Hersteller von Gensequenzen. Gautam Mukunda hält auch eine Biosicherheitsorganisation für nötig, ebenso die Bereitschaft, bestimmte Experimente bei einem neu erkannten Risiko auszusetzen.

Wie, wann und von wem diese Maßnahmen auf den Weg gebracht werden könnten, blieb allerdings offen. Auf der SB 2.0 im vergangenen Jahr in Berkeley war eine bereits ausgearbeitete Selbstverpflichtung zu Sicherheitsmaßnahmen am Ende doch nicht verabschiedet worden – auch aus Frust darüber, dass zahlreiche NGOs diese in einem offenen Brief als taktisches Manöver abgelehnt hatten.

Immerhin ist es beachtlich, dass die Bio-Nerds bei allem Enthusiasmus für dressierte Kolibakterien zumindest ein heißes Eisen ihres Forschungsgebietes sehr früh diskutieren. Wenn sie jetzt noch die Öffentlichkeit mit einbeziehen, haben sie die erste wichtige Lektion aus dem (europäischen) Kommunikationsdebakel mit gentechnisch veränderten Organismen gelernt. (wst)