Zen und die Kunst eine Toilette zu booten
Die Japaner machen uns vor, wie konsequente BedĂĽrnisbefriedigung aussehen kann - auf dem Klo.
- Martin Kölling
Wenn eine Toilette in Japan kaputt geht, müssen die Kunden demnächst keinen Klempner, sondern einen Computerfachmann holen. Denn während in Deutschland WCs mit Po-Wasserstrahl, so genannte Dusch-WCs, noch als High-Tech-Nonplusultra der Toilettenkultur gelten, haben Japans Top-Hersteller wie Toto oder Inax ihre Modelle mit Sensoren und Halbleiterplatinen zur Hightech-Bedürfnisanstalt aufgerüstet.
Schon die Annäherung an den viel frequentierten, aber nur selten diskutierten Ort allzu menschlicher Verlangen ist ein Erlebnis, das vielen Europäern vielleicht ein Naserümpfen oder hämisches Lachen entlocken wird. Doch die Japaner denken, so viel sei vorab verraten, neben Komforterhöhung an Umweltschutz und altengerechtes Wohnen.
Automatisch klappt beim Spitzenmodell des einen Herstellers die Klobrille hoch. Eine Beleuchtung erleichtert auch im Dunkeln den Landeanflug des Allerwertesten. Die beheizte Klobrille verhindert selbst in kalten Winternächten den ungestörten Stuhlgang erschwerende Gänsehaut-Attacken. Auf Wunsch übertönt sogar per SD-Karte ladbare liebliche Musik das Rauschen in der Schüssel.
Und die wenigen Restgerüche, die der Gasabsaugvorrichtung der Klos entkommen könnten, werden dezent und je nach Jahreszeit durch Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Winterdüfte überdeckt. Nach der Entleerung der Eingeweide reinigt auf Knopfdruck die schon lange in Japan standesgemäße Po-Dusche mit wohltemperierten und frei einstellbaren Fontänen hintere oder vordere Intimbereiche. Natürlich trocknet auf Wunsch auch noch ein Fön die benetzten Areale. Kaum erhoben, setzt sich wie von magischer Hand die Klospülung in Gang und der Deckel schließt sich motorgetrieben. Nur ihre Schließmuskeln müssen die Nutzer noch selbst bedienen.
Verrückt und überkandidelt? Mitnichten. Natürlich ist die Menschheit Jahrtausende ohne eine solche Rundumversorgung ihrer Notdurft nachgegangen. Aber die Japaner stellen sich den neuen Herausforderung der vergreisenden Gesellschaft in ihrer typischen Manier und widmen sich seit Jahrzehnten der tabulosen Bedürfnisverrichtung. Und wie so manche Erfindung der letzten Jahrzehnte (man denke nur an das Tamagotchi) gezeigt hat, könnten sie damit weltweit Kunden erobern.
Bei den Toiletten waren beheizte Klobrillen der erste Streich. Zugegeben: Die Idee war in der Tat sehr naheliegend, wenn man weiß, dass in Japan die Klos bis in heutige Tage in der Regel unbeheizt sind. Mit wachsendem Wohlstand und Einfluss westlicher Wohnkultur kam auch der Wunsch nach einer Bidet-Funktion auf. Doch angesichts des beengten Raumes konnte der in Nippon nicht durch die Installation zusätzlichen Badezimmer-Mobiliars, sondern nur durch die Integration in die vorhandene Klokeramik befriedigt werden. Die Geräuschüberdeckung wurde dann vor allem für öffentliche Bedürfnisanstalten entwickelt. Die Fortentwicklung der Sensor- und Halbleitertechnik ermöglicht jetzt das vollautomatische Klo. Auch die nächste Generation ist schon angedacht. Prototypen wiegen die Klo-Nutzer, messen Körperfettanteile, analysieren den Urin und übermitteln die gewonnenen Daten per Internet an den behandelnden Arzt.
Hightech-Klos versprechen schon allein im Heimatmarkt, ein großer Hit zu werden. Denn die Zahl der Senioren steigt in Japan genauso rapide wie die Zahl der Mehr-Generationen-Haushalte sinkt, in denen Kinder ihre Eltern versorgen. Immer mehr Alte werden sich daher alleine versorgen müssen. Jedes Hilfsmittel, das die Zeit menschenwürdiger Eigenständigkeit erhöht, wird daher in Japan selbst von älteren Semestern mit wachsender Begeisterung begrüßt. Und auch Deutschlands Senioren würden sich sicherlich freuen, wenn das Klo sie nach der Verrichtung ihrer Notdurft von der beschämenden Anforderung befreien würde, Familienangehörige oder Pflegepersonal um eine finale Handreichung zu bitten. (wst)