Auf diese Schweine können Sie bauen

Wie Betrugsindustrien im Netz bald zu Auslösern globaler Krisen werden könnten.

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Von
  • Peter Glaser

Neue, netzgestützte Formen des Blendens sorgen für erhebliche Unruhe. Was beispielsweise der österreichsche Medienwissenschaftler Stefan Weber das "Google-Copy-Paste-Syndrom" nennt – ergoogelte Texte als eigene auszugeben – breitet sich nicht nur in Schulen und im akademischen Bereich epidemisch aus. Ende Januar 2003 veröffentlichte die britische Regierung ein Irak-Dossier, das der damalige US-Außenminster Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat "vorzüglich" nannte. Ein Student des Monterey Institute of International Studies, Ibrahim al-Marashi, erkannte in den angeblichen Geheimdienstinformationen in großen Teilen eine von ihm verfaßte, über zehn Jahre alte Arbeit aus der Zeit des irakischen Einmarschs in Kuwait. Der Text war an einigen Stellen authentisch bis hin zu Kommafehlern kopiert worden.

Während diese Art forcierten Schummelns dem Ergaunern von Prüfungsergebnissen, Doktorhüten oder Kriegsgründen gilt, fahren andere Formen die Finanzmärkte an den Rand des Abgrunds. An der Wall Street machen gerade die Milliardenverluste zweier US-Spekulationsfonds die Hüter des Weltkreditsystems nervös. Auslöser sind zwei in schwere Bedrängnis geratene Hedge-Fonds der US-Investmentbank Bear Stearns, die etwa 20 Milliarden Dollar in hochspekulative Immobilien-Wertpapiere investiert haben. US-Hypothekenbanken hatten immer aggressiver Kredite für Immobilien vergeben, dies auch an zunehmend ärmere Bürger mit schlechter Bonität. Weiterverkauft, entstanden aus großen Bündeln solcher Kreditverträge neuartige Wertpapiere. Der Markt ist gewaltig. Besonders gern handeln Hedge-Fonds damit, die Papiere können Renditen bis zu 20 Prozent bringen – aber nur, wenn der kleine Kreditnehmer seine Raten auch bezahen kann. Viele Hauskäufer haben sich jedoch übernommen. Seit Anfang letzten Jahres haben 50 amerikanische Hypothekenbanken Konkurs angemeldet. Nun geht es den Hedge-Fonds an den Kragen.

An der Zuspitzung der Krise waren auch andere beteiligt. In den zurückliegenden Monaten hat sich eine Art Online-Immobilien-Underground formiert. Auf etlichen Websites wurden Kreditinteressierte, die pleite waren, verlockt: "Möchten Sie ein Haus kaufen, haben aber schlechte Bonität, eine leeres Konto oder kein Job? Kein Problem!" Zu den Angeboten gehört, jemandem ein besseren Kredit-Scoring zuzuschanzen, indem man ihn auf fremden Kreditkarten "mitfahren" läßt. Das Huckepack-Verfahren begann ganz unschuldig, wenn jemand seinen Gatten oder die Kinder seinem Kreditkarten-Konto als autorisierte Nutzer hinzufügte. Inhaber einer blütenreinen Zehlungshistorie können bis zu 1000 Dollar verdienen, wenn sie jemanden als Nutzer auf ihrer Kreditkarte mitlaufen lassen. Ein weiterer Anbieter vermietet Interessenten für ein paar Wochen ein gutgefülltes Bankkonto. Andere Sites bieten Leuten Hilfe an, die nachweisen müssen, dass sie arbeiten. Für 55 Dollar stellt die Firma, von der die Website VerifyEmployment.net betrieben wird, jemanden als freien Subunternehmer an; für weitere 25 Dollar wird das Beschäftigungsverhältnis auch telefonisch bestätigt. Leute, die sich Gehaltsschecks ("nur zu Unterhaltungszwecken") fälschen wollen, können das bei FakePaycheckStubs.com tun. Für knapp 50 Dollar kann man ein Programm kaufen, mit dem man sich zu Hause selbst Gehaltsschecks mit fiktivem Stundenlohn ausdrucken kann.

Diese relativ neuen Websites spielen eine maßgebliche Rolle bei den ungewöhnlich zunehmenden Fällen von Kreditbetrug, durch die die Krise der Immobilienfinanzierer ins Rollen gekommen ist. Gegen welche Gesetzte die Anbieter der obskuren Dienstleistungen verstoßen, ist unklar. Was die Kunden betrifft, ist die Gesetzeslage allerdings eindeutig – gefälschte Gehaltsschecks oder falsche Auskünfte zum finanziellen Status sind Betrug. Manche Tricks laufen haarscharf am Rand entlang. So wurde vor kurzem bekannt, dass es auf der Website zillow.com – auf der man den Wert seines Hauses bestimmen lassen kann – einen Trick gibt, mit dem man dem Datensatz um ein paar Zusatzinformationen erweitern kann, die für andere nicht sichtbar sind. Wer den Wert seines Eigentums gern ein bißchen aufblasen möchte, kann beispielsweise die Garage in eine Bar umwandeln. Etwa 700.000 Hausbesitzer haben etwas in der Art bereits gemacht (bei insgesamt 33 Millionen Bewertungen). Auch Bill Gates hat sein Häuschen am See bewerten lassen – um den Algorithmus zu testen. (wst)