StilverschlĂĽsselt
Für mehr Krypto-Fitness: Immer weniger Leute tragen Armbanduhren – dafür gibt es immer mehr Uhren, auf denen man nur auf abenteuerlichen Umwegen erkennen kann, wie spät es ist.
- Peter Glaser
Die Leute tragen kaum noch Armbanduhren, man hat seinen Zeiteinblick auf dem Display seines Mobiltelefons bei sich. Bestimmte Rhythmen und sich wiederholende Vorgänge in der Natur zu beobachten und später auch messen und vorhersagen zu können, gehört zu den großen vorzeitlichen (sic!) Kulturleistungen. Schon die alten Ägypter - denen wir verdanken, dass der Tag 24 Stunden hat – stellten beispielsweise den Zusammenhang zwischen heliakischen Aufgang des Sirius und der für die Ernte wichtigen jährlichen Nilflut her. Heute sind die mechanischen Meisterwerke der klassischen Uhrmacherkunst bereits eher Sammlerstücke als nützliche Objekte. Als Gebrauchsgegenstände verschwinden Uhren immer mehr aus der Öffentlichkeit. Um sich zu vergegenwärtigen, dass Zeit etwas Besonderes ist – das einzige, das uns wirklich gehört –, sind andere Dinge nötig. Der russische Designer Balykin Pavel etwa hat die Sanduhr ins digitale Zeitalter überführt – die taillierte Form ist erhalten geblieben, aber in ihrem Inneren rieseln nun Pixel.
Moderne Uhren vermitteln nicht Zeitmessung, sondern neue Arten von Status. Eri & Eiichi vom japanischen Designbüro “e35” haben beispielsweise eine Uhr namens “JLr7” entworfen. Man kann auf ihr nicht einfach die Zeit ablesen – sie ist stilverschlüsselt. Schon den Namen muß man decodieren. Er erschließt sich einem erst, wenn man die erste Reihe der geometrischen Zeichen auf dem Display der Uhr – kleine Winkel – als stilisierte Buchstaben und Ziffern liest. Es ist eine Uhr, die nicht mehr einfach anzeigt, wie spät es ist. Sie bringt uns wieder in Berührung mit der geheimnisvollen Zeit. Die Vielfalt an uhrzeitverweigernden Uhren ist erstaunlich. Die LED-Armbanduhr “Lightmare” etwa – ein Wortspiel aus Nightmare (Alptraum) und Light (Licht) – ist mit ihrem Zifferblatt ohne Ziffern, dafür mit sektblasenartigen Leuchtpunkten eher ein hypermodernes Meditationsobjekt als ein einfaches Zeitinstrument. Und nicht nur Mobiltelefone machen der puren Uhr die Nützlichkeitsfunktionen streitig. Auch futuristische Vielzweckschöpfungen wie die “Swatch Infinity” weisen nicht nur Start Trek-Fans darauf hin, dass wir in der Zukunft angekommen sind. Das Hightech-Armband enthält nicht nur eine Digitaluhr, sondern auch MP3- und Videoplayer sowie ein Fotoalbum.
Richtige Erfinder geben sich damit aber noch lange nicht zufrieden. Der englische Tüftler James Larsson ist bereits mit seiner ungewöhnlichen Garnelensandwich-Uhr aufgefallen. Sie zeigt an, in welcher zeitlichen Verfassung sich ein Sandwich befindet. Der Gedanke, dass man mit Hilfe von Sensoren und eines Computers jederzeit feststellen könnte, wie frisch ein Sandwich ist, hatte ihn nicht mehr losgelassen: “Es hat mich fasziniert, dass alles sich mit der Zeit verändert – speziell Sandwiches.” Da sich die elektrische Leitfähigkeit sowohl der Garnelen, als auch der Mayonnaise und des Brots verändert, war es ein Leichtes, ein Sensorium für die Sandwichuhr zu basteln (Genau genommen müßte man sie als Garnelensandwich-Stoppuhr bezeichnen, da sie sozusagen einen Frische-Countdown laufen läßt). Und Larsson sucht weiter nach ungewöhnlichen Zugängen zur Zeitmessung. Sein bisher letzter Coup war der Umbau eines alten VHS-Videorekorders. Der fungiert nun als timer-gesteuerte Katzenfütteranlage. (wst)