Hermannisten, ĂĽberall

Was ist gute Technik, was sinnvolle Technikkritik? Und leiden die Deutschen an einer seltenen Krankheit?

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Niels Boeing

Vor ein paar Wochen hatte ich in diesem Blog eine Diskussion mit einem Forennutzer über eine objektive Herangehensweise an neue Technologien. Am Ende des Threads zitierte er aus dem Buch „Planet Germany“, in dem den Deutschen „Hermannismus“ attestiert wurde: eine tiefsitzende Abneigung gegen alles, was „neu, fortschrittlich und modern“ ist. Sie reicht von den Feuilletons der Medien bis in die hiesige Wirtschaft und ihr Ahnherr ist Hermann der Cherusker, der die fortschrittlichen Römer im Teutoburger Wald besiegte. Der Ausdruck ist nicht schlecht, unterstellt er doch, dass die Deutschen bis heute an einer Krankheit leiden, die bis in die dunklen Wälder des antiken Germaniens zurückreicht: Hallo Welt, lass uns in Ruhe.

Seitdem geht mir der Hermannismus nicht mehr aus dem Kopf. Ist der Hermannismus wirklich eine deutsche Spezialität? Und ist ein kritisches Verhältnis zur Technik bereits Hermannismus?

Natürlich kann man die aus dem Buch zitierten Feuilletondebatten über die Schädlichkeit des Walkmans als Beleg heranziehen, als der auf den Markt kam. Die haben allerdings schon Anfang der Achtziger Scharen junger Leute nicht davon abgehalten, unbedingt so ein Teil zu haben (mich eingeschlossen). Gut möglich, dass etwa in angelsächsischen Medien niemand darüber sinniert hat. Betrachten wir allerdings die größeren Technikdebatten der letzten Jahrzehnte, schwächt sich die unterstellte Verhaltensauffälligkeit der Deutschen deutlich ab. Ob Atomkraft, Gentechnik oder zuletzt die Nanotechnik: ihre möglichen Auswirkungen wurden in allen westlichen Ländern mit einer ausgeprägten Ingenieurskultur (deren Existenz kann man hierzulande wohl ohne Übertreibung feststellen) kontrovers diskutiert. Da machen auch die angeblich so technikbegeisterten USA keine Ausnahme.

Mag sein, dass es nicht wenige Hermannisten hier und auch anderswo gibt. Lässt man die einmal beiseite, kristallisiert sich für mich bei den restlichen Skeptikern eine andere Linie heraus – die nämlich gar nicht fragt, ob eine neue Technologie gut oder schlecht ist, sondern zu welchen Bedingungen sie verbreitet und genutzt wird. Die Open-Source-Bewegung hat dieser Fraktion ein klares Paradigma mitgegeben: Gute Technik ist offene Technik. Die ist nicht exklusiv, sondern kann geteilt werden. Sie eröffnet Möglichkeiten und setzt Kreativität frei, ohne an Nutzungsrechte oder an Sicherheitssysteme gekoppelt zu sein.

„Unsere kollektive Aufgabe ist, Technologien, die eine echte Wahlfreiheit beschränken, durch solche zu ersetzen, die diese eröffnen“, formuliert es Kevin Kelly in seinem lesenswerten Technium-Blog. Das Telefon bespielsweise sei eine Technologie, die ständig unsere Möglichkeiten erweitere, aber nur wenige verschließe. Das Insektizid DDT habe hingegen einige wichtige Möglichkeiten – die Malaria-Bekämpfung etwa – eröffnet, aber zu viele andere beschnitten.

Ich wĂĽrde noch hinzufĂĽgen: Eine Technologie, die zuerst aus WettbewerbsgrĂĽnden als Innovation gepusht wird, ist nicht automatisch neu, fortschrittlich und modern. Interessanterweise ist gerade im gelobten Land der Technik Kalifornien die heutige Computertechnik zu einem guten Teil aus einer Opposition gegen die damalige industrielle GroĂźrechnertechnik heraus entwickelt worden.

Der Hermannismus ist auch ein Problem, aber längst das kleinere Übel. Die Größeren sind eine Innovationswut, die sich zuerst von Standortlogik und immer kürzeren Produktzyklen treiben lässt, und der Versuch, technische Monopole durch Lock-in-Situationen zu erzeugen. Rastlosigkeit und Machtstreben. Man könnte es auch Alexandrismus nennen. (wst)